Spielfeld

SPIELFELD
Gedichte · Pjesme · Poems

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Das Hin und Her von Bällen, Schüsse die Sitzen, erwartete Fouls und verdiente Niederlagen: Ein Spielfeld ist ein liminaler Ort, an dem sowohl leichtfüßige Auslotung als auch gewaltsames Festlegen stattfinden können. Mal geht es ausgelassen zu, mal geht es um den Kragen. Spielfeld ist auch der Name des Grenzüberganges nach Österreich, der gerade für Migrant_innen einen wichtigen Erinnerungsort darstellt. So auch für die Autorin Olja Alvir. In ihrer ersten Lyriksammlung führt sie die unterschiedlichen Valenzen des Wortes Spielfeld zu einer vielfältigen Gedichtsammlung zusammen. Der dreisprachige Gedichtband (Deutsch, B/K/S, Englisch) spielt nicht nur mit der Mehrdeutigkeit des Begriffs, sondern hüpft auch über die Grenzlinien zwischen den Sprachen.

das ich ist eine provinz
eine wiederholungsanstrengung
mit falsch ausgeschickten wurzeln
das meer zu umreißen


Spielfeld
Gedichte · Pjesme · Poems
Kollektiv Verlag Graz
104 Seiten, Softcover
13,00 Euro


2016 wählte die „Arbeitsgemeinschaft für Kartographische Ortsnamenkunde“ erstmals einen Ortsnamen des Jahres. Es gewann „Spielfeld“. Begründung: Es sei ein „Synonym für das Dilemma Österreichs und Europas, einen Mittelweg zwischen menschlicher Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen und praktischen Erfordernissen zu finden“.

Der Anblick des Grenzübergangs Spielfeld ist ungewöhnlich und bizarr. Fast hypnotisierend drehen sich im Wind die bunten Teile der riesigen dreieckigen Installation über den Grenzhäuschen. Das gezwungen fröhliche, aber schiefe Lächeln des buchstäblichen Spielfeldes über den Menschenströmen und Polizei- beziehungsweise Bundesheeruniformen stellt eine Text-Bild-Schere sondergleichen dar. Nicht nur während verstärkten Fluchtbewegungen, sondern allgemein wirkt die Benennung zynisch, wenn man an die lange und komplizierte Geschichte dieses Grenzpunktes denkt. Für die einen bedeutet der Anblick des Grenzüberganges Spielfeld Vorfreude, Entspannung, Urlaub und andere meerwärts gerichtete Gedanken, für die anderen ist es der Erinnerungsort an die Fluchtgeschichte. So auch für die Autorin Olja Alvir, die während des Jugoslawienkrieges mit ihrer Familie nach Österreich kam.

Der Gedichtband teilt die Faszination mit dem Ortsnamen, versucht jedoch, was als „praktischen Erfordernisse“ verschleiert wird, als strukturelle Gewalt zu enttarnen. Was steckt dahinter, dass dieser historisch so bedeutsame Ort ausgerechnet mit der Aktivität des Spielens in Verbindung gebracht wird? Alvir Gedichte befragen die Oberflächen eines zeitgenössischen Identitäts- und Migrationsdiskursen und fangen dessen Inkonsistenzen und Dissonanzen ein, um auf Tiefergründiges hinzuweisen. Etwa das Bewusstsein, dass hinter dem Lachen beizeiten etwas Dunkles wummert sowie die Hoffnung, dass es in der Ausgelassenheit und Kollektivität Auswege aus dem „Gedankenschraubstock“ gibt.

vor langer Zeit war hier ein Meer
der böse Zwilling der Heimat
die Erinnerung daran ist unheilbar
und seither
hat sich nichts mehr ausgezahlt


Der dreisprachige Gedichtband thematisiert die Grenze nicht nur als willkürlichen Abgrund zwischen Nationalstaatskonstrukten, sondern auch im Bezug auf das Ich, Du und Wir. Die Autorin, die in ihrem Leben den Wandel ihrer Ersprache von Serbokroatisch/Kroatischserbisch in drei bis vier Nationalsprachen namens B/K/M/S beobachtete, verschreibt sich nun der Vermischung, Verschmelzung und dem Konsequenten Grenzübertritt zwischen Sprachen. Die prominente Kritikerin des „Deutschdiktats“ im medialen und politischen Mainstream kontaminiert ihr Deutsch (Österreichisch?) mit polyphonen und -glotten Bezügen, wodurch ein vielschichtiger, heterogener Bedeutungsfilm entsteht. Nicht zuletzt finden sich in Spielfeld auch zahlreiche Texte rund um Fragen der Identität und ihrer Konstitution über Sprache(n). Ausgelotet wird dies nicht selten auch durch genussvolles Hin-und-Her Passen.

wir werden es
in diesem leben
zu nichts bringen
außer zueinander

Im Sinne der gemeinschaftlichen Aktivität, die Spielen im Optimalfall darstellt, enthält Spielfeld mehrere Kollaborationen, etwa Illustrationen der Multimedia-Künstlerin Anna Kohlweis sowie Übersetzungen und Zusammenarbeit mit den Autor_innen und Literaturübersetzer_innen Mascha Dabić, Katja Grcić, Moira Walsh, Clemens Braun und Stjepanka Pranjković.

Land im Taumel

LAND IM TAUMEL

 

In Kroatien steigt die Zahl der Corona-Patient_innen trotz strenger Sicherheitsmaßnahmen ungebremst. Am Wochenende traf nun auch noch ein Erdbeben der Stärke 5,4 auf der Richter-Skala die Hauptstadt Zagreb.

 

Sonntag morgen, 6:24 Uhr: Das stärkste Erdbeben seit 140 Jahren reißt Zagreb aus dem Wochenendschlaf. Die altsozialistischen Wohntürme wanken, Verputz und Wände reißen. Möbel stolpern durch die Zimmer, Regale, Schränke und Küchenkabinette leeren sich aus. Gründerzeit-Häuser der historischen Innenstadt zerbröckeln auf die davor geparkten Autos. Die erschrockenen Bewohner_innen laufen auf die Straßen vor ihren Häusern, manche haben noch die Geistesgegenwart, sich davor eine Gesichtsmaske aufzusetzen. Um 7:01, als viele noch in Schockstarre waren, folgte ein Nachbeben der Stärke 5,0.

 

 

Dieses Unglück trifft Kroatien, das gerade den EU-Vorsitz innehat, im denkbar schlechtesten Moment.Denn trotz rigoroser Sicherheitsmaßnahmen, die die Regierung vergleichsweise früh eingeführt hat, entwickelt sich die Corona-Epidemie hier genauso exponentiell wie anderswo. Am Sonntag standen die Zagreber_innen vor zwei widersprüchlichen Impulsen: Einerseits ist wegen Corona Drinnenbleiben und Distanzieren angesagt, andererseits war unklar, ob und welche Häuser nach dem Beben sicher waren. Und die engsten Angehörigen wollten natürlich im Moment der Naturkatastrophe verständigt und zusammengerottet werden.

 

Widersprüchliche Krisen

Die Nation hatte sich eigentlich auf ruhige Tage eingestellt: Mittwoch Nacht waren alle Betriebe außer Lebensmittel- und Hygienegeschäften, Apotheken und Tankstellen geschlossen worden. Schulen und Universitäten waren schon am Montag geschlossen und auf Fernseh- und Onlineunterricht umgestellt worden. Am Wochenende wurde dann der öffentliche Verkehr gestoppt – alle Bus-, Zug- und Straßenbahnlinien wurden eingestellt und die Bahnhöfe geschlossen. Die Fähren der istrischen und dalmatinischen Inseln standen nur mehr den Insulaner_innen zur Verfügung. Die Polizei begann am Wochenende in der Hauptstadt auch schon mit dem schließen größerer und beliebterer Parks, in denen sich die Städter_innen in den warmen Tagen zuvor wohl etwas zu sorglos getummelt hatten. Jetzt standen sie wieder auf den Grünflächen, doch nun bibbernd und verängstigt, denn es hatte es einen Temperatursturz gegeben und in den ersten Stunden nach den Beben fiel sogar ein wenig Schnee in der Hauptstadt.

 

Heikle Schäden

Wie bereits Minuten nach dem Beben im Internet verbreitet, brach die Südspitze der Zagreber Kathedrale, einem der wichtigsten Wahrzeichen der Stadt, während des Bebens ab. Zahlreiche Kirchen im Stadtzentrum wurden schwer beschädigt; die Decke der Basilika des Heiligen Herzens, der zweitgrößten Kirche der Stadt, stürzte ein. Glücklicherweise gab es dabei keine Verletzten. Denn auch die die Sonntagsgottesdienste, gemeinsam mit allen anderen religiösen Zusammenkünften, waren bereits zuvor im Versuch der Eindämmung der Epidemie untersagt worden.

 

 

Im Zentrum waren wegen des Erdbebens insbesondere ältere Gebäude beschädigt. Vereinzelt gab es Stromausfälle und Rohrbruch, auch das vor allem in der Innenstadt. Doch gerade im prestigesträchtigen Zentrum Zagrebs befinden sich viele wichtige Institutionen, Knotenpunkte der Versorgung und Information. Etwa auch das Parlament, dessen Gebäude einen Dachschaden erlitt, weshalb nun Ausweichsorte für die Sitzungen gesucht werden. Ausgerechnet der seismologische Dienst war von einem Stromausfall betroffen und lieferte daher in den ersten Stunden nach dem Beben nur schleppend Information. Gemeinsam mit erschreckenden Bildern, die schon wenige Minuten nach dem Beben im Internet kursierten, trug wohl auch diese verzögerte Reaktion zur Desinformation und Panik beitrug. Gerüchte und Falschinformationen verbreiteten sich auf Social Media und per SMS. In den ersten Minuten nach dem Beben berichtete der öffentlich-rechtliche HRT von einem jungen Mädchen als dem ersten Todesopfer des Bebens, doch das stellte sich später als Fehlermeldung heraus. Die 15-jährige (dazu gibt es immer noch widersprüchliche Berichte) war zwar ohne Puls in das Klaićeva-Krankenhaus eingeliefert worden, konnte jedoch reanimiert und stabilisiert werden. Während des Erdbebens hatte sie schwere Kopfverletzungen erlitten. Ihr Zustand war bei Redaktionsschluss immer noch kritisch. Mütter aus der Geburtsstation im Petrova-Krankenhaus, ebenfalls im Zentrum, liefen mit ihren Neugeborenen auf die Straße. Das Gebäude musste schlussendlich, genauso wie die Lungenheilanstalt Jordanovac, wegen den Schäden evakuiert werden. Das Labor, das die Coronavirus-Tests durchführt – in Kroatien gibt es wohl nur eines, eben in Zagreb, allerdings wollte mir gegenüber während der Recherche dies niemand bestätigen oder dementieren – musste aufgrund des Bebens seine Arbeit kurzfristig unterbrechen.

 

 

Ein Krisenstab der Regierungsspitze traf sich um 8:30 in der Nationalbibliothek, danach folgte eine erste Pressekonferenz, in der Premier, Gesundheitsminister und Bebenexpert_innen endlich gesicherte Informationen lieferten. Bis dahin lief im Fernsehen noch das Standard-Sonntags-Zeichentrickprogramm, im Radio gab es außer einer ersten Breaking-News-Meldung kaum konkrete Anhaltspunkte für die besorgten Bürger_innen.

 

Eine Plage kommt selten allein

Wer bereits einmal Zagreb besucht und die Straßenbahn genommen hat, dem mögen die Warnhinweise etwas überzogen und morbid vorgekommen sein: Auf von der nahezu mediterranen Sonne schon ausgeblichenen Plakaten mit der Überschrift „Evakuationsplan im Falle eines Erdbebens“ werden die Bewohner_innen auf fast jeder Station dazu aufgefordert, sich nach der Naturkatastrophe auf den größeren freien Flächen wie dem Bundek- oder Maksimir-Park zusammenzurotten. In Zeiten der Corona-Epidemie hätte sich dieses Verhalten als fatal herausstellen können.

Doch die Zagreber_innen hatten ohnehin anderes im Sinn: Zu Tausenden begaben sie sich in ihre Autos und verließen die Stadt in Richtung Küste. Wer blieb, stand teilweise noch stundenlang verunsichert auf den Straßen und Plätzen vor den eigenen Häusern; auf den empfohlenen Sicherheitsabstand von einem Meter dachte man im Schreck kaum. Premier Andrej Plenković hielt die Bevölkerung dazu an, noch zumindest bis am Nachmittag und bis Expert_innen für Statik die Häuser inspiziert hatten, draußen zu bleiben, trotz des Temperatursturzes und aufkommenden Windes. Am Abend wurden auch noch für Zagreb die höchste und für Dalmatien die zweithöchste Wind-Warnstufe ausgerufen, die Böen entfachten auf der kroatischen Insel Hvar und in Zelovo nahe Sinj Brände. Die Reiter der Apokalypse machen im katholischen Kroatien einen sehr gründlichen Job, scherzt man nun auf sozialen Plattformen.

 

Überstürzter Rauswurf

Für dislozierte Bewohner_innen Zagrebs wurde am Sonntagnachmittag in einer Turbo-Aktion das Studierendenheim „Cvjetno Naselje“ geräumt. Das wiederum beraubte viele Studierende einer sicheren Unterkunft, von denen viele nun – wiederum entgegengesetzt zu den Corona-Empfehlungen – zu ihren Familien oder Freunden, oder in ein anderes Studierendenheim ziehen mussten. Die Entscheidung löste auch Chaos und einen Ansturm auf das Heim aus, als die verbleibenden Studierenden noch schnell packen und jene die das Heim schon verlassen hatten ihre Wertsachen noch abholen wollten. „Auf die Straße geworfen wie den letzten Dreck“, schrieb ein Student in einem viralen Post auf Facebook. Bisher haben sich im Cvjetno Naselje, das eine Kapazität von ca. 1700 Betten hat, 59 vom Beben Dislozierte eingefunden.

Premier Plenković hatte bei der ersten Pressekonferenz bereits erwähnt, dass 80 Prozent der Zagreber Bevölkerung in in der Nachkriegszeit oder später entstandenen Wohnblöcken wohnt. Diese waren in Jugoslawien und nach dem katastrophalen Erdbeben in Skopje 1963 unter höheren Bebensicherheitsstandards entstanden. Das heißt, dass die absolute Mehrheit der Zagreber Bevölkerung wohlauf ist und in zumindest nur oberflächlich beschädigte Behausungen zurückkehren kann.

 

Politische Nachbeben

Die große Herausforderung liegt anderswo: Ein rasanter Anstieg der Corona-Zahlen ist aufgrund der Ausnahmesituation, der mehr als dürftigen Informationslage und der teilweise inadäquaten Reaktionen darauf zu erwarten. Das Virus dürfte sich nun in den Stunden des Schreckens und der Verwirrung sowie der durchs Erdbeben ausgelösten Turbulenzen im Gesundheitssystem und den vermehrten Kontakt zwischen den Menschen rasant verbreitet haben. Es dürfte durch die aus Zagreb Flüchtenden nun auch verstärkt die Peripherie und die Küsten treffen. Zumindest das scheint der Regierungsspitze zumindest bewusst zu sein. Kurz vor dem Beben hatte Gesundheitsminister Vili Beroš auf Social Media vorgerechnet, dass Kroatien aufgrund der begrenzten Ressourcen (im Land gibt es 800 Beatmungsgeräte, davon waren am Sonntag drei in Verwendung) wegen der exponentiellen Natur der Epidemie nur etwa 20 Tage von einem italienischen Szenario trennten. Heute müssen bereits 6 Menschen beatmet werden.

Kroatien, das sich noch vor einigen Wochen als Vorzeigeland inszeniert hat, was die Corona-Krise angeht und tatsächlich viele Sicherheitsmaßnahmen deutlich früher eingeführt hat als Länder Zentraleuropas oder auch der Nachbarstaaten, wird in den nächsten ein bis zwei Wochen vor riesige Herausforderungen gestellt werden. Wegen dem Erdbeben bröckelt die Fassade, buchstäblich und metaphorisch. Die Information fließt nur langsam, Desinformation und Angst verbreiten sich, die Versorgungssituationen außerhalb der Ballungsräume sind sehr schlecht. Was in den öffentlichen und auch internationalen Statistiken verschwiegen wird, ist dass bereits eine Person mutmaßlich am Coronavirus gestorben ist. Ein 70-jähriger Gastronom aus Umag in Istrien hatte Symptome und war in der Selbstisolation, als sein Zustand sich plötzlich verschlechterte und er nicht mehr atmen konnte. Die Rettung kam zu spät und konnte nur mehr seinen Tod feststellen. Die Familie des Opfers (ebenfalls positiv getestet) widerspricht den verharmlosenden Aussagen der Behörden zu diesem Fall. Eine Obduktion wurde eingeleitet, doch über Resultate wurde noch nichts kommuniziert. Es ist bei der aktuellen infrastrukturellen Lage zu erwarten, dass sich solche Fälle häufen werden.

Am Montag wurde bekannt, dass in den nächsten Tagen strengere Richtlinien für Personenverkehr nicht nur in und aus dem Land hinaus (Ende letzter Woche waren die Landesgrenzen geschlossen worden), sondern auch innerhalb des Landes gelten werden. „Die Bekämpfung der Corona-Epidemie ist absolute Priorität, und ich urgiere weiterhin alle, die Sicherheitsabstände einzuhalten und die soziale Distanz zu wahren so gut es in diesen Krisenzeiten geht “, wiederholt Premier Plenković während das Heer Aufräumarbeiten in Zagrebs Zentrum durchführt. Am Montag wurde in Kroatien verboten, die Heimatgemeinde beziehungsweise den politischen Bezirk, an dem der Hauptwohnsitz gemeldet ist, zu verlassen. (Es gelten vereinzelte Ausnahmen.)

Alle, die Zagreb am Sonntag abrupt verlassen hatten, waren daher, wahrscheinlich schon mit dieser Maßnahme im Hinterkopf, von den Behörden an den Mautstationen der Autobahn notiert worden. Es zeigt sich auch in Kroatien, ähnlich wie in anderen Ländern, dass Krisensituationen mit der Beschneidung der Büger_innenrechte und einem Erstarken der Exekutive Hand in Hand gehen. Überall, und damit auch in Kroatien, wird im Kampf gegen Corona zu spät auf ein starkes Gesundheitssystem und Verlässliche Bildung und Kommunikation gesetzt, das wird dann versucht mit Polizeimaßnahmen und Überwachung zu kompensieren. „Wir warten noch kurz mit den Kontrollen, sodass die Menschen Zeit haben, in ihre Heimatgemeinden zurückkehren können“, sagte Innenminister Davor Božinović Montag Mittag. Hätte er vielleicht die Bürger_innen nicht drei bis vier Stunden nach dem Beben komplett ohne Informationen dastehen lassen, hätte man einen Teil der Stadtflucht und damit auch Virus-Ausbreitung vielleicht eindämmen können. Doch nun steht auch ein Verbot des motorisierten Individualverkehrs allgemein steht im Raum. Bitter nötig? Heute sind in Kroatien 481 Menschen positiv auf COVID-19 getestet worden, doppelt so viele wie vor dem Beben. Tendenz steigend.

Forget about the Facts!

FORGET ABOUT THE FACTS!

 

Let’s tell some stories instead. (This speech was given on the 16th of July during the Digital-Born Media Carnival 2017 in Kotor, Montenegro.)

 

I am here to tell you that things are both better and worse than we thought.

Let’s start with the term Fake News for a second: I am very critical of that. It is something that not the public, the media or even scientific community have coined, but rather a term that right-wing influencers have introduced. Under our hashtag on twitter you an actually even find a video of Trump admitting that.

In my opinion, the fact that we journalists adopted this term so uncritically is very disconcerting and part of the problem. It ends, as somebody has already said yesterday, in the not very fruitful discussions of different parties telling each other that they are fake news. (What’s interesting is that the phrase is not “you publish fake news” but “you are fake news”. It suggests identity and identification, something reminiscent of the #jesuis-Phenomenon. This formula using the verb to be discredits whole media companies instead of attacking single articles or reports. That might be one of the only things about this media crisis that is actually new.) “You are fake news!” – “No, actually, you are fake news!” The very existence of this term is an attack on media credibility and the media society in general, it’s destabilizing.

We don’t need to rebrand the concept of lies, misinformation and propaganda. Lies, misinformation and propaganda are already pretty good and useful words and, as we need to remember, have always been part of political debate, struggle and discourse in general.

Already here we can see one very important tradition in media communications of the powerful, imperialist and fascists. They introduce concepts and words that are catch to control the narrative. This is, I think, why we should be very wary of using the term Fake News or at least be much more precise in what we talk about. Distraction? Misinformation? Clickbait? Jokes, Memes? Good old propaganda? It is, for us, very important not to put all of these very different things under the umbrella term of Fake News since that is exactly what blurs the lines and shatters the confidence in modern journalism.

The ideal subject of totalitarian rule is not the convinced Nazi or the convinced Communist, but people for whom the distinction between fact and fiction (i.e., the reality of experience) and the distinction between true and false (i.e., the standards of thought) no longer exist. (Hannah Arendt, The Origins of Totalitarianism, 1952)

Let’s get to the part of what I said in the beginning about the current situation being worse that we think. Almost everywhere in the world, journalists are asking themselves: What should we do now? What can we do to combat “Fake News”?

Well, so far, I see two strategies: one is trying to debunk Fake News and lies and the other is confronting the liars in interviews or segments that show their contradictions. However, these strategies don’t seem to work very well and, in my opinion, can even be dangerous. Why? Because, and I’m very sorry to say that, but in this bigger scope of things, and especially when a strong narrative is already in place, singular facts don’t really matter that much any more.

I will explain why, but first, I need to just make sure that we all know what a narrative is. A narrative is a story or a set of stories – true or untrue – that follow a typical scheme or pattern that we all know: Good vs. bad, there is a hero, there are obstacles and threats, something to overcome, and a clear, bright goal.

So important narratives, when we talk about media, in the history are, for example, the so-called American Dream, the idea that jewish people control the world through some sort of secret agency (one of the oldest narratives and Fake News ever, by the way), men vs women, the EU as a peace project, refugees are flooding our country, taking our money, jobs or women … I’m sure you all have many more examples you can think of right now.

Narratives are very important to humans, and, one can argue, even for the evolution of humanity and human cultures. Human brains and human culture are story-centered and not single-fact-centered. When we learn, we learn from stories, from examples, from morales. Education is a place of storytelling, just think about parents reading to their children, for example. Also, the process of remembering and memory in general is very tightly conflated with stories and storytelling: People tend to remember stuff better when there is a story or – in our terms – a narrative around it. You probably all know the trick to remember a lot of de-contextualized information at once: Try to put it into a story or into a room. The last important way in which narratives influence humanity is narratives about identity – our identity can be summarized as a set of stories we tell ourselves about ourselves – and meaning. Meaningful narratives for humans, that means a greater story that the individual can insert themselves into to acquire some meaning for life and being, are for example religion and nationalism. Okay so let’s summarize that humans are, from a neurobiological and cultural point of view – and these are most definitely intertwined too – story-beings.

And to come back to my first point and explain: This is exactly why people don’t care about facts very much – I’m generalizing here. First, because they don’t remember: Once a strong narrative is in place, for example, that Donald Trump (I will use the US often as an example because I think we are all informed on that) is a good businessman and that this qualifies him for anything and everything – every singular correction, a single new fact or dispute drowns in the mass and the force that a conclusive narrative that people are happy to adopt has.

The next problem is that facts are never happening outside of a context. This is true for science as well, but it’s especially important for us, because: When people hear news, they do not take it on an empty stomach. They already have a set of beliefs and narratives internalized that this new information is then inserted to – or not. One single fact or debuke cannot dismantle a whole set of beliefs and narratives. There is research that suggests that trying to debuke something that people are convinced of actually makes them hold onto it even stronger.

But that is often how we as journalists are working: We do research, we see Donald Trump saying something and then try to look it up, try to verify, and then we say: Well, actually, he only had 304 votes in the electoral college and not 306. Our approach is very reactive: We wait for “news” to “happen” and then do the fact-checking. This is peanuts compared to the powerful narratives that actually control media conversation and policy making. Another problem is the formulaic structure of journalistic approach: Saying “there is no scientific evidence for” let’s say vaccines causing autism – is not as strong as the fear or the story that automatically enfolds in parent’s minds when they see the syringe. “There is no scientific evidence” – in a readers mind, they add “yet” – “there is no scientific evidence yet”. They read our very polite and correct way of debuking things as “well, we couldn’t find any evidence” – almost like an admission of incompetence. Another thing that can happen when we say “there is no evidence for Hillary Clinton being a lizard from space” is that people say: “Well of course there is none, the lizard people wouldn’t want us to know that we’re being manipulated and they would wipe the traces!” These are drastic examples, but you can probably deduce the process: People just incorporate the facts or information that they hear into already internalized narratives to keep everything intact. Why? Because narratives, as I said, are important for people, we build our lives around them, and if it is something dear to our heart or something that seemingly explains a lot of the world around us, we will not let it go easily. I will, once again, just mention religion and nationalism here.

And I do not want to minimize the public’s abilities to discern between facts and lies and I am not trying to say that people nowadays are more or less manipulated or critical. We all hold beliefs that are ridiculous and that there is no scientific base for. The vaccine thing, you all know, is actually more popular among well educated parents, so its not about education or intelligence. For example, I am 100% sure that Coca Cola tastes better from smaller bottles and cans, and no one can change my mind on that. Who here thinks that Donald Trump received Golden Showers from sex workers in a hotel room in Moscow? Show of hands. I do! It just makes so much sense, and it’s visually … well, there is a specific visual quality to it. The question whether the Golden Showers happened or not is not that important any more, it’s now entered some sort of collective hive-mind, a collective knowledge, it’s become a running gag, a meme, and no debuking will make it go away. So considering that, I think we as journalists also need to stop looking down on the public and, to put it in capitalist terms – this will also be important for later – our customers.

Okay so enough about the hopeless fight of journalism against narratives, let’s get to the more hopeful things: First, I will have to disagree, from a historical standpoint, on the notion that today is post-truth time, that we live in some sort of exceptional post-truth era. If today is the post-truth era, can somebody please tell me when truth time was? In the 1930ies or 1940ies, when first books and then people were burnt to ash? In the 1950ies, when the public was told that to “duck and to cover” will save you from a nuclear blast? In the 1960ies, when people still thought that black people were inferior and should not “mix” with whites? (All of these notions, by the way, have been „science“ at some point.). What about the seventies and eighties, when we thought only homosexuals could get Aids and women were still legally property of their husbands in many countries. Or the nineties and uhm, zeroes, when the US went to war with Iraq while knowing that there were no ABC-weapons? No, I’m sorry, post-truth era is not today, post-truth era is all time every time. We are just slowly and very publicly realizing that policies are not being decided on the grounds of facts, science and technology, but (greatly due to everything happening around climate change) but national and economic interests.

I strongly advise you to see that as a positive thing, the revelation that humans are story-beings and therefore the history of humanity is post-truth 24/7. Just look at how far we’ve come! Embrace the fact that human times are story times. It means that we are not in a singular, especially bad time, it is not all going to shit, it is not the apocalypse (also a very important, surprisingly political narrative, but we can talk about this later maybe). It is just a time of confusion and thickening of plots, and that, in my opinion, has a lot to do with the current abundance of information, a new fascist uprising and the change in media due to the internet and social media and new forms of communication. Humans have been here before, so don’t worry.

Let’s get to some concrete techniques and solutions, suggestions to what we can do in regards to combatting misinformation, propaganda and lies today:

1) We need to shift the focus from debunking to (re)contextualising. We need to say: Look, dear readers, this is why Donald Trump is telling you that he is a good businessman. This is why the republican party is telling you that you don’t need health care. We need to stop just answering and start giving more backstory and new context to try to shift the narrative.

I think it was BuzzFeed or some other hip US site that, once Trump was in power, started to count all the lies that he has told in one big article. (They stopped updating in March, by the way.) And to me, as a journalist, that was interesting, but from a user’s point of view and in regards to creating a more progressive media experience, it’s useless. You are just repeating the lies and using your own platform to spread the misinformation even wider, and for free.

This ties into point 2.

2) Journalists need to be more proactive instead of reactive. Stop waiting for news to happen and instead research your own stories, do independent analysis, and again, recontextualise. Once Trump has said something outrageous like, that outrageous thing. Your debuke is much less entertaining, much less outrageous and therefore much less interesting. By being one step ahead, the liars, powerful institutions and fascists control the narrative and the media cycle. Also, by constantly producing scandals and lies, they keep us busy with work that they know will never be as powerful as their narratives. Your image of being a journalist needs to incorporate more than “just reporting on the facts” since producing facts and non-facts, to put it in fascist terminology, alternative truths, is a distraction from influencers that gives us busywork that will stop us from contextualizing and analyzing.

The function, the very serious function of racism is distraction. It keeps you from doing your work. It keeps you explaining, over and over again, your reason for being. Somebody says you have no language and you spend twenty years proving that you do. Somebody says your head isn’t shaped properly so you have scientists working on the fact that it is. Somebody says you have no art, so you dredge that up. Somebody says you have no kingdoms, so you dredge that up. None of this is necessary. There will always be one more thing. (Toni Morrison, Portland State, Black Studies Center public dialogue, Pt. 2, 30.5.1975)

3) In modern so-called data-journalism, it has become popular to collect and visualize. That is something that online journalism and creative journalism can offer that is different and new, but it is not always useful in combatting disinformation. Be careful about how you present your data. Always embed it into the context you would like it to be seen or in a context that is productive and progressive and not harmful. Less single data points, more networks, structures and patterns. Because again, that is how the brain and human culture works. Besides: You’ve probably often seen something taken out of context completely in order to make the opposite point: Try to make this very hard in your article or piece.

4) No-platforming of fascists, liars, hate speech and so on. I know journalists don’t like to hear that since on the surface, it seems to contradict free speech. But this is where you’ve been fed fascist propaganda. You are the journalist, you are the editor, and you are responsible to choose which content will be published and/or repeated. We don’t always need „to hear both sides on the topic“, especially if one side is a conspiracy theory, propaganda, lies or misinformation. It is your job and you are trained in deciding, filtering and making choices, which voices and which content to put on the air or in your article. Not making that decision under the veil of freedom of expression for everyone is actually reckless and lazy. You as a journalist have the responsibility to make a sensible choice about whose words to amplify. We’ve all seen the horrible interviews with for example Kelly-Ann Conway and other so-called Trump surrogates. They will not listen to the interviewer, answer questions or react to anything that resembles an argument. They are always on message and they will just blatantly lie. You can see some of the most prestigious journalists and interviewers struggling in that situation, and that is because there no discussion with fascists. There is no arguing with liars because they have no regard for the truth. That is not a weak point where you can, as a journalist, hurt them or expose them or make their policies, their decisions or words look bad. You don’t get fascists to tell less lies by giving them more airtime. They don’t deal in truth, facts or arguments, that is not their currency.

5) Let’s get to the last and my favorite point: What the media instead has to do is to offer inspiring visions and meaningful narratives themselves. This is much harder than looking up the number of electoral votes or fact-checking with this or that statistic, but it is also much much more important. Because that is what we live in, a market of stories. “Fake News” will always be cheaper than real news in capitalist media. This is why the product needs to be better and offer more. Embed your facts, your research, into a positive and meaningful narrative or context. Find your heroes, analyze their obstacles, identify the good and the bad and the enemies, set up a story with a goal. Be creative. You can do all that while still being a good journalist and true to the facts, I promise.

And again, I would like to stress that we should not dismiss the public as disinterested and uninformed or dismiss so-called Fake News as inherently bad. As a student of history and the history of stories, I can promise you that the lies we tell each others as humans can be much, much more telling than the truths, and that is why we need to not blindly dismiss them but rather examine them very closely and see what lies beneath. Thank you.

Schleppungswillige

Folgender Text wurde am 13. August 2014 beim Solidaritäts-Event für Repressionsbetroffene „Josef erlesen“ vorgetragen.

1

2. Mai 1995 Peter Sarközi, Josef Simon und Karl und Edwin Horvath sterben in Oberwart bei der Detonation einer Rohrbombe die an einem Schild mit der Aufschrift „Roma zurück nach Indien“ befestigt war.
Oktober 1995 Bei einer Briefbombenserie von Franz Fuchs werden ein aus Syrien stammender Arzt und die Flüchtlingshelferin Maria Loley verletzt.
Juli 1996 Finanzplaner Fred Onduri muss sich bei einer Festnahme wegen fehlenden Ausweises ausziehen und einer Rektaluntersuchung unterziehen lassen. Er zeigt die Polizisten wegen Körperverletzung an und beschwert sich – ohne Erfolg – über diskriminierende Behandlung.
19. Februar 1999 Ahmed F. erstickt bei einer Drogenkontrolle in Wien an einer Drogenkugel. Laut MenschenrechtlerInnen haben Polizisten seinen Hals zugedrückt, um zu verhindern, dass er diese schluckt. ZeugInnen sprechen von 20-minütigem Prügeln.
1. Mai 1999 Während einer Abschiebung nach Bulgarien stirbt Marcus Omofuma im Flugzeug, weil sein Mund verklebt wurde. Die beteiligten Polizisten werden zu je acht Monaten bedingter Haft verurteilt.
4. Mai 2000 Nach mehreren Tagen Haft und Misshandlung stirbt Arise „Richard“ Ibekwe laut offiziellen Angaben an einer Überdosis in seiner Zelle in Wien.
14. Juni 2003 Cheibani Wague stirbt von sechs Polizisten am Boden fixiert, geschlagen und unter Wirkung eines starken Neuroleptikums nach einer Kulturveranstaltung in Wien. An seinem Tod sind sechs Polizisten, drei Sanitäter und ein Notarzt beteiligt. Am 9 November 2005 wird ein Großteil der Angeklagten freigesprochen. 2007 bestätigt der Berufungssenat am OLG die Sprüche der ersten Instanz, senkt aber das Strafmaß für den schuldig gesprochenen Polizisten: er habe sich schulungskonform verhalten.
1. Juli 2004 Nach offiziellen Angaben stirbt Edwin Ndupu an einer Fettembolie nach selbstzugefügten Verletzungen. Medien und Politiker*innen schließen eine Einsetzung von Tränengas in geschlossenen Räumen nicht aus. Die Beamten bekommen eine Entschädigung von 2000 Euro, weil sie mit dem Blut des HIV-Infizierten in Kontakt kamen.
14. April 2005 Dr. Di-tutu Bukassa, Österreicher aus der Demokratischen Republik Kongo und Menschenrechtsaktivist, wird am Wiener Naschmarkt von sechs jungen Neonazis verprügelt. Er muss danach zwei Tage im Wiener AKH verbringen.
5. Oktober 2005 Nach sieben Tagen Hungerstreik stirbt Yankuba Ceesay im Haltezentrum in Linz. Die offizielle Todesursache ist Herzversagen, Ceesay sei aber noch kurz vor seinem Tod „aggressiv“ gewesen.
7. April 2006 Als Bakary J. nicht abgeschoben werden kann, bringen ihn Polizisten der Spezialeinheit Wega in eine Lagerhalle und misshandeln ihn dort schwer.
23. Dezember 2006 Laut Polizei springt Essay Touray bei einer Personenkontrolle in den Donaukanal in Wien. Zeugen sprechen von anderen Umständen. Am 25. Jänner 2007 wird seine Leiche in der Donau gefunden.
Juni 2008 Bei einem Brandanschlag auf ein Asylwerberheim auf der Saualm springen Menschen aus den Fenstern, ein Mann stirbt dabei. 19 werden verletzt. Der Flüchtlingsreferent des Landes Kärnten und der Heimbetreiber werden von fahrlässiger Gemeingefährdung freigesprochen. Ein Gutachten sprach von tragischem Resultat aufgrund „afrikanischen Fluchtverhaltens“.
11. Februar 2009 Der schwarze Lehrer Mike Brennan wird in der Wiener Ubahnlinie U4 von Polizisten aufgrund einer Verwechslung mit einem Drogendealer geschlagen. Im Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhaus werden Nacken- und Lendenwirbelprellung sowie eine Stauchung der Handgelenke festgestellt.
11. September 2010 Bei einem Sprengstoffattentat auf ein Asylwerberheim im Grazer Bezirk Puntigam wird eine Person leicht verletzt.
22. Dezember 2011 Johnson Okpara springt während eines Verhörs aus dem Fenster der Jugendstrafanstalt Erdberg und stirbt.
26. Jänner 2013 Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Vorarlberg. Zwei Männer werden wegen versuchter Brandstiftung zu 7500 und 4500 Euro Strafe und jeweils zwölf und sieben Monaten bedingter Haft verurteilt. Die Täter hatten zuvor eine Party besucht und gehörten der Vorarlberger Neonazi-Szene an.
Juli 2013 Acht Flüchtlinge aus dem Umfeld des Wiener Refugeeprotests werden festgenommen und der Schlepperei bezichtigt. Innenministerin und Bundeskriminalamt sprechen im Wahlkampf von einem Schlepperring mit mindestens 3 Millionen Euro Umsatz. Nach einem halben Jahr Gerichtsverhandlungen fehlen hierfür immer noch jegliche Beweise, die höchste im Prozess besprochene Geldsumme ist 200€.

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Auf der Rückbank liegt das Kind schlafend auf dem Schoß der Mutter. Ihr zärtlicher Blick wird unterbrochen von einer Laus, die dem Mädchen über die Wange läuft. Die Mutter zuckt kurz auf, ekelt sich. Aber sie beherrscht sich, bewegt sich nicht, um das erschöpft mit offenem Mund schlafende Kind nicht zu wecken. „Ein Souvenir aus dem Flüchtlingslager“, denkt die Mutter. Im Auto wird nicht geredet. Es sind die lezten Kilometer vor der Grenze. Die Fahrerin versucht, einen zuversichtlichen Eindruck zu machen, aber die Sehnen an ihren Handgelenken verraten ihre Anspannung. Gleich, gleich die Grenze. Die Hügel brechen auf das Sichtfeld herein, die Kulisse verlangsamt sich, windet sich fischäugig davon. Sand, Sand in den Kehlen, Sand in den Ohren, zwischen den Fingern. Dann: Die Fahrerin wird durchgewunken – Diplomat*innenkennzeichen.

Der Vater wartet auf der anderen Seite der Grenze. Er war mit einem grimmigen, ihm unbekannten Mann mit Fähren, über Inseln und Bergstraßen, durch Felder und über Traktorwege ins Land gekommen. Er hatte dem Strinrunzler dafür dankbar so viel Geld gegeben, wie er nur konnte.

’92 war das Blödeste, was du machen konntest, Asyl zu beantragen. Das sprach sich unter den Flüchtlingen schnell herum und die allerwenigsten fielen darauf herein, auch wenn die Behörden im Flüchtlingslager immer dafür warben, eins ständig dazu verführen wollten. Nein, es läuft etwa so: Du reist mit dem kroatischen Pass nach Österreich ein. Diesen Pass versteckst du nach der Grenze sofort so gut du kannst und zeigst ab nun nur mehr den bosnisch-herzegowinischen her. Wenn du gefragt wirst, wie du mit diesem nicht gültigen Pass nach Österreich gekommen bist, stellst du dich unwissend. Es habe am Grenzübergang niemand nachgesehen. Dann versuchst du, direkt als Flüchtling eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung zu bekommen. Kein jahrelanges Herumscheißen am Asylgerichtshof.

So machte es auch die Familie mit dem Lauskind. Die befreundete Diplomatin, die Schlepperin, besorgte dem Vater schnell einen Job. Die Mutter schrieb nachts Deutschübungen, lernte konjugieren und deklinieren und die Geschlechter der Nomen nie wirklich. Das Kind war noch klein. Es verstand nicht viel davon, was passierte, einzig die restlichen Familienmitglieder gingen dem Mädchen ab. Aber auch das würde sich bald ändern. Sobald sich herumsprach, dass die Lauskind-Familie einen Aufenthaltstitel in Österreich bekommen hatte, also dass die Lauskind-Familie es geschafft hatte, ging es an Teil zwei der Reise: Die Flucht der anderen. Mutter und Vater Lauskind organisierten Bustickets, holten Menschen von der Grenze ab, stellten Kontakte her, schickten Geld, bekamen Geld, gingen für Familie, Freunde, Bekannte und Unbekannte zu Behörden. Eines Tages stand Onkel Lauskind augenberingt und ohne Koffer vor der Tür der Substandard-Wohnung. Das Lauskind sprang ihm schluchzend ans Hosenbein und würde zwei Jahre lang kaum loslassen.

Später würde das Mädchen erfahren, dass Onkel Lauskind während des Krieges führend im Paramilitär war. Das war der Grund, warum er flüchten musste, warum er in der Heimat, die er so liebte, verfolgt wurde. Der Grund, warum er im Flüchtlingslager in Österreich in Schlägereien geriet. Er war ein Mörder. Aber da war es zu spät, diese Information kam viel zu spät, jetzt liebte sie ihn ja schon. Jetzt war er schon täglich mit ihr zum Spielplatz gegangen und hatte ihre Kuscheldecke für sie gehalten, während sie beim Spielen in der Sandkiste unabsichtlich Hundekacke ausgrub. Jetzt hatte er sie schon bei den Wettrennen bis zum Postkasten gewinnen lassen. Jetzt hatte der Mörder ihr schon begeistert viel zu dicke Nutellabutterbrote geschmiert. Jetzt war es zu spät, ihre Hände für immer klebrig mit Kinderliebe.

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Geerbt habe ich meinen üppigen Haarwuchs übrigens von meinem Vater. Generell sehe ich meinem Vater und seinen Geschwistern sehr ähnlich, aber nicht nur die krumme Zinkennase habe ich von ihnen geerbt, nein, auch die überproportional dichten und störrischen Zotteln pflanzten sich bis zu mir fort: Haare auf den Armen, Flausch im Nacken, leichte Wolle am Bauch, Strähnen um die Nippel. Mein Vater und seine Brüder sind Männer mit buschigen Augenbrauen und vielen dicken Haaren auf den Armen und Brüsten. Die Art von Mann, die im Alter lange Nasen- und Ohrenhaare bekommt.

Was ist eigentlich los mit diesen Ohrenhaaren? Je älter man wird, desto mehr von den Sensibelchen, die für das Gehör notwendig sind, sterben aus. Sie sterben einfach weg. Die einzigen Haare am ganzen Körper, die nicht nachwachsen, sind ausgerechnet jene, die einen Sinn ausmachen.

Stattdessen bekommt man diese Wucherungen auf der Innenseite der Knorpelmasse, die sich vor dem Gehörgang türmt. Die Haare wandern aus dem Ohr heraus und machen sich vor dem Ohr sesshaft. „Tragus“ heißt dieser Knorpelknust, der das unnötigste aller Haarbüschel trägt. Wobei – Haare auf der großen Zehe sind ähnlich entbehrlich. Davon hat mein Vater allerhand, ich glaube sogar auf jeder Zehe, auch der kleinen, ein paar. Seitdem seine Haare langsam weiß werden wird der Volksschullehrer immer seltener grundlos von der Polizei vor seiner Schule angehalten und kontrolliert.

Einmal, als ich sechs oder sieben war, wurde unser Auto am Weg zum Schwimmbad von der Polizei zur Seite gewunken: Routineuntersuchung. Statt im Chlorwasser verbrachten wir den Tag auf der Polizeistation. Sie hatten uns nicht geglaubt, dass wir verwandt sind, trotz der vielen Haare.

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Die gut situierte Familie Alkaisy konnte aus dem Irak Dokumente und Beweismaterial schicken, sodass für die österreichischen Behörden nachvollziehbar wurde, was passiert war. Zeugnisse, Zeitungsschnipsel, Einladungen zu Vernissagen, Flyer von Veranstaltungen, Plakate, Fotos, Anzeigen, Gerichtsmitteilungen: Büromaterial Vergangenheit. Nach sieben Monaten des Zusammensuchens von Puzzlestücken dann endlich der positive Bescheid: Alkaisy konnte in Österreich bleiben. Politische Verfolgung als glaubhaft befunden. „Zurückgehen zu müssen war mein größter Albtraum“, meint sie. Was sie getan hätte, wenn ihr Asylbescheid negativ gewesen wäre? „Ich weiß es nicht. Wenn ich mich umbringe, gewinnen ja die Bösen.“

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ظلم nennt Alkaisy das, „zhulum“. Es ist ein Wort, viel härter noch als der Begriff Ungerechtigkeit. Das Deutsche hat keine Überserzung dafür, hat keine Übersetzung für seine eigenen Verbrechen. Die Fassade des „Hotel Mozart“ bröckelte für Alkaisy: Das Österreich, das ihre Eltern ihr so idyllisch beschrieben hatten und das sie wegen der Kultur und insbesondere der Musik so liebte, zeigte sein hässliches Innenleben. „Die Österreicher und die Hergekommenen sind wie Wasser und Öl. Sie können gemeinsam an einem Ort sein, sich aber nie mischen“, sagt Alkaisy. „Langsam wird mir klar: Ich bin nicht einfach ein Mensch. Ich bin ein Flüchtling.“

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Österreich, halt’s Maul, du hast keine Ahnung, was eine Straßenschlacht ist.

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„Ich bekenne mich teilschuldig“, übersetzt der Gerichtsdolmetscher die Worte des angeklagten Flüchtlings. Der Mann weint. Er habe nicht gewusst, dass es in Österreich verboten sei, anderen Menschen zu helfen.