Vornehm hetzen

Publiziert am 26. August 2017 in mediji.

Heute möchte ich euch zeigen, wie bürgerliche Medien hetzen – denn die Diskriminierung von Menschengruppen ist nicht nur dem Boulevard vorbehalten. Ich finde es sehr wichtig, nicht zu vergessen, dass in Österreich nicht nur die Kronen Zeitung oder die Heute (negativen) Einfluss auf den Diskurs beispielsweise zur Refugee-Situation haben, sondern von der Elite und auch Linken gefeierte Medien wie der Standard oder der Falter.

Konkret möchte ich das an einem Beispiel von gestern Nacht festmachen: Da erschien nämlich ein kurzer Artikel über die aktuelle Aktion der afghanischen Community im Votivpark in Wien. Refugees mit und ohne Aufenthaltsstatus, Afghan_innen und Österreicher_innen und andere solidarische Menschen trafen sich gestern am ehemaligen Ort des „Refugee Camps“ (das damals gewaltsam von der Polizeu geräumt wurde) um darauf hinzuweisen, dass Afghanistan kein „sicheres Land“ ist und dass die aktuell gängigen Abschiebungen dahin also lebensgefährlich sind.

Kurz vor 19:00 am Abend erschien von einer meines Erachtens nicht unbedingt unsolidarischen Kollegen dann folgendes Stück, das direkt prominent auf der Startseite platziert wurde; mobil war die Story auf dem fünfthöchsten Platz. (Ich verlinke hier jetzt nicht darauf um nicht noch mehr Traffic zu generieren, mehr zu dieser Praxis demnächst.)

Ganz unabhängig davon, dass solidarische Berichterstattung anders aussieht, gibt es grobe inhaltliche Mängel an dieser Darstellungsform. Erstens handelt es sich nicht um eine „Besetzung“ sondern um eine angemeldete Kundgebung, die mit ständiger Ab- und Rücksprache mit der Polizei läuft. Zweitens ist es kein Event ausschließlich von Abschiebung bedrohter Afghaner_innen, sondern ein Treffen der afghanischen Community, die aus Menschen mit den verschiedensten Geschichten (und Aufenthaltsstati) besteht sowie von Unterstützer_innen und generell solidarischen Menschen, ja, sogar einige weiße Ösis sind dabei! Dass im Untertitel der Anlass für diese Kundgebung mit keinem Wort genannt wird, sondern die Polizei vorkommt, ist das nächste Problem: Es rückt Fluchtthemen direkt in den Sicherheitsbereich und suggeriert, dass dieses Zusammensein ein Sicherheitsproblem sei. Außerdem widerspricht der Untertitel ja direkt der Schlagzeile. Wenn die Polizei sagt, dass es eine angemeldete Kundgebung ist, wieso steht dann im Titel etwas von „Besetzen“? (Ich weiß eh warum. Weil’s sich besser klickt halt.) Der letzte problematische Aspekt ist die Kopfzeile mit „REFUGEE CAMP VIENNA“, die wohl den Kontext für diese Story herstellen soll. Allerdings hat diese Aktion nichts mit dem damaligen Refugee Camp Vienna zu tun und ist auch nicht von den selben Leuten organisiert. Aber es ist etwas, an das sich Leser_innen vielleicht noch (wahrscheinlich negativ) erinnern können, daher muss es als ideologische Stütze herhalten.

Wie ihr in den Screenshots sehen könnt, hatte die Story um 1 in der Nacht schon fast 500 Postings, was für die Uhrzeit und die Tatsache das Wochenende ist beträchtlich ist. Heute Nachmittag stehen wir bei mehr als 1300 Kommentaren, was für den Standard eine sehr erfolgreiche, oft geklickte Story bedeutet.

Mir geht es hier nicht darum, den Standard oder die Autorin anzupatzen. Oft haben Autor_innen nicht so viel Mitspracherecht beim Framing ihrer Stories wie sie gerne hätten, besonders wenn es um „heikles“ geht. Und dass der Standard kein solidarisches, emanzipatorisches oder gar linkes Blatt ist, müsste spätestens seit den fraglichen Entscheidungen zu dieStandard.at und daStandard.at klar sein. Es geht mir viel eher darum zu zeigen, wie Aktionen von sowohl den bürgerlichen als auch den Boulevard-Medien geframed werden, um ein refugeefeindliches Narrativ aufzubauen und zu füttern. Dieser Bericht war nämlich der erste Artikel, der über die Aktion im Votivpark erschien, und von diesem negativen Spin wird sich das Event voraussichtlicher Weise nicht erholen. Als nächstes werden die Heute und die Krone auf den Zug aufsteigen und bekeifen, wie Abzugeschobene es bitte so unverschämt wagen, in Wien einen infrastrukturell relevanten Ort zu besetzen. (Wie besetzt man eigentlich einen öffentlichen Ort? Naja, egal. Ach, und nur so nebenbei, wenn 50 weiße Studis im Votivpark sitzen so wie circa immer, kommen dann auch vier Polizeiwannen vorbei um zu schauen, ob alles „rechtens“ läuft? Nicht? Hm.)

Ich möchte mit dieser kurzen Analyse darauf hinweisen, wie subtil und effizient Medien bei der Faschisierung der Gesellschaft mitspielen. Eine Story über eine skandalöse Besetzung klickt sich einfach besser (also, verkauft sich besser) als eine Story über eine Mahnwache zur Situation in Afghanistan oder ein humanistischer Aufruf zum Stopp lebensgefährlicher Abschiebemethoden. Die Akteur_innen hier, Redakteur_innen und Chef_innen vom Dienst und so weiter mögen sogar gar nicht im bösen Willen handeln, sondern sind einfach schon so trainiert und abgebrüht, dass sie selber nicht merken wie perfekt sie im kapitalistischen Zwang die Propaganda der Rechten ausführen. Es ist wichtig und es macht einen großen Unterschied, wie eins über Refugee-Themen und insbesondere Refugee-Aktionen berichtet. Das Wording der Berichterstattung zu emanzipatorischen Kämpfen ist das Um und Auf und legt fest, wie diese in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Solche Formulierungen wie heute im Standard (und morgen sicherlich anderswo) spielen nur der Polizei in die Hand, in deren Interesse es liegt, Refugees zu kriminalisieren. Mit einer bedachteren Formulierung des Aufmachers wäre es vielleicht nicht komplett gelungen, dies zu verhindern. Jedenfalls aber wäre es nicht so eine schöne Vorlage für Hetze gewesen und hätte dem Boulevard, der Politik und Exekutive die Aufgabe nicht gar so einfach gemacht. Ein gutes Beispiel dafür, warum die Medienbranche keine Verbündete im Kampf gegen Faschismus und Ausbeutung ist.

 

 

Olja Alvir