Über Olja Alvir

Schneller, härter, öfter. Als Journalistin tätig zu sein, bedeutet in der heutigen Gesellschaft vor allem gut angepasst zu sein – und zwar an eine kranke Arbeitswelt. Olja Alvir, 1989 im Herzen Jugoslawiens geboren, ist eine der wenigen Jungautorinnen, die sich trotz „Medienkrise“ und More-of-the-Same-Mantra nicht von den ausbeuterischen Strukturen der Betriebe vereinnahmen lässt. Gleichzeitig schafft sie es, diese argumentativ und massenmedial auseinanderzunehmen. Seit der Flucht ihrer Familie vor dem Krieg 1992 lebt die Autorin im Wasserkopf der Schnitzelrepublik, die sie gerne Ösistan nennt, in Wien. Und sorgt für Diskussionen, Ärger, Shitstorms, „burned bridges“ und allgemeines Vordenkopfgestoßenwerden. Eine streitbare Persönlichkeit, um es vorsichtig zu formulieren.

Akne und Tito, Muschi-Waxing und Krieg, Ritzen und Aktivismus

Dort, wo politische Haltung und provokante Meinungsbeiträge verlangt werden, ohne gewollt zu wirken, sind Oljas Worte eine gelungene Abwechslung zur plumpen Standard-Journo-Phrasendrescherei. Die 26-Jährige drückt noch ein bisschen fester zu, wo es ohnehin schon weh tut – und entlarvt gerne.

Das Werk der Autorin erkennt eins daran, dass es gern hässlich-real ist und dort ansetzt, wo die Köpfe der österreichischen Wohlstandsgesellschaft selbst nicht so schnell weitertun, wie man das als Feministin gerne hätte. Bei veralteten Vorstellungen von Romantik und Sex, Hygiene, Benehmen und sozialen Konventionen zum Beispiel.

Olja äußert als Antwort darauf Gedanken, die man vielleicht auch schon mal hatte („Komisch, beim ersten Mal hab ich nicht geblutet“), sich dann aber doch nicht traute, publik zu machen. Aus Angst vor – wovor eigentlich? Vor konservativen Männern, die Frauen im Internet beleidigen? Die Autorin schreibt nicht nur konsequent gegen die kaugummizähe Windmühlen-Kombi Klassismus und Patriarchat an, sondern setzt sich auch schlagfertig gegen alle unter dem Deckmantel der Anonymität oder auch nicht klugscheißenden Kommentatoren hinweg. Damit sorgt sie trotz ihres bereitwilligen Dastehens als (politischer) Reibebaum und unbequem pieksende Zeitgenossin für einen Haufen „Relateability“.

Dialektik und Collage

Mit ihren Texten gibt sie Leser_innen genauso Tipps zur richtigen Dosierung von Sprengstoff wie die höfliche Überwindung von schlechtem Party-Smalltalk, nebenbei erklärt sie dann noch den Jugoslawienkrieg und die Aufenthaltswahrscheinlichkeit von Elektronen um ein Atom. Aus feministischer Perspektive widmet sie sich den anstrengenden Themen Sexualität (Warum wird Mädchen versichert, dass Sex wehtut?), Mental Health („Was können wir für unsere Krankheiten und warum verdienen wir dafür eure Verachtung?“) und Quantenmechanik (Können Menschen einander überhaupt wirklich berühren?). Eine Kombination, die noch aus dem Physik-Studium stammt, das sie nach der Matura in Kombination mit Germanistik an der Universität Wien aufnahm. 

Publikation, Revolution

Ihr Mut und ihr starker Antrieb, die Gesellschaft von unten zu verändern, unterhalten und informieren regelmäßig nicht nur ihre 3.500 Twitter– und 1000 Facebook-Follower, sondern haben 2015 auch zur Entstehung ihres ersten Romans „Kein Meer“ beigetragen. Nach mittlerweile sechs Jahren in der journalistischen Lohnarbeit unter anderem bei da- und derStandard.at, das Biber und dem progress Magazin wurde ihr erster autobiografischer Roman beim zaglossus Verlag veröffentlicht – und deutet damit schon leise die Richtung an, in die es künftig gehen soll.

Es mag ja sein, dass Olja den Journalismus gar nicht mehr braucht. Aber der Journalismus, der braucht Olja. Jetzt wohl dringender denn je.  


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