Sia almost single-handedly cured my depression

Publiziert am 31. Juli 2017 in literatura.

Liebste M.,

ich denke ganz viel an dich und auch über deine Situation nach. Ich hoffe, der Jetlag legt sich bald bei dir und du kannst schöne Dinge machen wo du jetzt bist. Unfassbar, du bist ja gerade so weit weg! Das ist exakt am anderen Ende der Welt. Naja, fast exakt, noch weiter weg wäre Neuseeland (ich hab mir mal ausgerechnet was der am weitesten entfernte Punkt von zu Hause ist), aber du bist auf der anderen Seite der Erdkugel gerade. Wir beide halten die Erde momentan also in einer Art Liebeskummer-Schraubstock. (Zusammen?)
 
In dem ganzen Nachdenken fallen mir so viele Dinge ein, die ich dir sagen will, weil ich so mitfühle und weil ich denke, dass ich so viele deiner Emotionen kenne. Irgendwie habe ich mir jetzt gedacht ich fange einfach mal an das aufzuschreiben. Nicht unbedingt aus einer „ich sag dir jetzt was man in so einer Situation machen soll“-Position heraus, oder weil ich ja so klug bin dass ich all die richtigen Ratschläge kenne … Nein, eher weil es sich in mir aufstaut und weil ich hoffe, du kannst vielleicht von meiner Zusammenschrift ein oder zwei Dinge mitnehmen – ich kann es auf jeden Fall, alleine schon dass ich mich hinsetze und das alles ordne und in Buchstaben, in Worte, in Sätze, in die Bewegungen die meine Finger auf der Tastatur klimpern übersetze hilft irgendwie. Ich weiß nicht wieso, weil es manifest wird? Weil die Dinge gesagt werden müssen, wollen? Weil die Dinge nur Sinn ergeben, oder vielleicht mehr Sinn ergeben, wenn man sie teilt? Wahrscheinlich ist es das. Teilen und kommunizieren, das ist eigentlich immer die Antwort. Aber gut, genug davon.
 
Ich kann mich noch genau erinnern an ein ganz bestimmtes Gefühl das ich letztes Jahr nach dem entsetzlichen Breakup mit L. (sein voller Name löst bei mir sofort wieder PTSD aus) hatte . Bei mir hängen solche Dinge auch mit Medikamentenmissbrauch oder -Entzug zusammen, also wer weiß, ob das irgendwas bedeutet oder ob du damit was anfangen kannst, aber ich kann mich noch ganz genau erinnern an den Moment, in dem ich mir dachte: „So, so muss sich das anfühlen wenn man jemanden herausspült, wenn man sich von einem Menschen, der sich in einem festgesetzt hat, entschlackt“. Mein Körper hatte sich gewöhnt, hatte sich eingestellt auf seinen, auf seine Liebkosungen, auf seinen Geruch, auf seine Größe, auf seine Umarmungen und seine Hände. Das ist dann wohl das was man kennen und erkennen – auch im biblischen Sinne – nennt; es ist die Art und Weise wie selbstverständlich die Konfiguration von zwei Körpern wird, wie schnell man sich daran gewöhnt, an diesen herausstehenden Hüftknochen, an den Dreitagebart, an die Mulde in seiner Brust oder der Schulter oder der Achsel, wo der eigene Kopf hineinwächst, wenn man beieinander liegt oder nebeneinander steht. Es ist schrecklich, wie schnell man sich an dieses Passen gewöhnt, daran gewöhnt, wie weit man die eigenen Finger strecken muss wenn man sie mit seinen verschränkt oder daran auf welchen Umfang man die eigenen Arme so selbstverständlich einstellt, wenn man ihn hält. 
 
Ich habe an diese Dinge gedacht und gemerkt, wie mein Körper sie vermisst, wie sie mir fehlen wie eine zweite Haut oder ein Gliedmaß, und ich schwitzte und meine Muskeln zitterten und meine Haare stellten sich auf vor lauter fehlendem Kontakt, vor lauter Nicht-Antworten, vor der Kontur, die mir nicht mehr gegeben werden wollte von der Welt, jetzt wo sein Körper nicht da war, in dessen Verhältnis meiner Sinn ergeben konnte. Ich fühlte mich wie ein sensibler Zahn, aber überall, wie ein Papercut im Wind, wie eine einzige offene Wunde. Beim Waxing legen die Depiladoras übrigens nachdem sie die Wachsplättchen wegreißen immer ganz schnell die Hand auf die aufgeriebene, aufgeregte Haut, um sie zu beruhigen. Und das hilft, und wie es hilft, und es ergibt Sinn. Es ergibt Sinn, Haut an Haut ergibt immer Sinn, ohne eine andere Haut zergehe ich, ich löse mich auf, ich weiß nicht wo ich beginne und aufhöre, die Welt muss resonieren damit ich räsoniere, irgendetwas muss geantwortet, zurückgeworfen werden, nur in einem Hin und Her ergebe ich Sinn, ergibt überhaupt so ein Konzept von Ich einen Sinn. (An dieser Stelle muss ich dir unbedingt Anna Kims „Invasionen des Privaten“ empfehlen, da wird meines Erachtens alles über Identität und Migration/Anderssein erklärt, was es zu verstehen gibt. Es hat mir sehr geholfen. Hast du eh schöne Sachen zum Lesen mit?)
 
Bitte verzeih, wenn ich manchmal etwas abschweife oder es etwas wuchert hier, es ist schwierig, dieses Nachfühlen und Nachdenken über diese Momente des lebensgefährlichen Liebeskummers.
 
Auf jeden Fall, in diesen Momenten des körperlichen Vermissens, des Phantomschmerzes … es ist fast so, als wollte der Kopf die physische Nicht-Gegenwart von L. durch ganz besonders obsessives Anihndenken ausgleichen, weil das Nicht-Haben und Nicht-Sein einfach so unaushaltbar ist. Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an L. und unsere Zeit gemeinsam, abwechselnd an die schönen Dinge, abwechselnd an die Grausamkeit. Ich konnte nicht schlafen, weil einerseits mein Körper nicht rasten konnte, u mojim venama jos je njenog otrova i tako dalje, und andererseits weil mein Kopf jedes gegebene und nicht gegebene love kernel untersuchte, hin und her drehte, umdrehte, inspizierte, unters Mikroskop legte und trotzdem keine Antwort fand: Warum? 
 
Die Bilder rasten in meinem Kopf, vielleicht war es wie ein Fiebertraum, ziemlich wahrscheinlich war es wie ein Fiebertraum, nur halt leider real. Ich konnte, so sehr ich mich bemühte, nicht aufhören in irgendeiner weise an L. zu denken, entweder hasserfüllt oder zärtlich, nostalgisch oder verwirrt, selbst- oder fremdbestrafend. Alles erinnerte mich an ihn und nichts lieferte Abhilfe. Ich schlief maximal 5 Stunden am Tag und maximal 2 am Stück. (Tja, und das eine füttert das andere: Die Schlaflosigkeit weicht das Hirn auf und macht es verletzlich und schwach, und ein schwacher Kopf ist anfällig für diese zerstörerischen Gedanken.)
 
Ich konnte zu dieser Zeit fast nicht alleine sein, und ich musste mich von einem Moment zum anderen hanteln, an ganz ganz dünnen Nervensträngen entlang, wie jemand mit einem gebrochenen Fuß an einem gebrochenen Geländer. Ich las viel über Bergsteigen, Berge, die Antarktis, Eis, Permafrost und dergleichen, und ich hörte viel Musik. Ich schrieb einen ganz kleinen Text für eine Freundin, die eine Ketamin-Therapie gegen Depression und PTSD mit einem kleinen Buchprojekt unterstützte. Der Text ist nicht so gut, er ist auf Englisch; ich habe ihn dir trotzdem unten angehängt.

In den Zeiten zwischen den Besuchen von Freunden und meinen Eltern (ich wohnte auch 1 oder 2 Wochen bei ihnen) versuchte ich mich so gut es ging einfach vom Wahnsinnigwerden abzuhalten. Ich sah alle Serien, schaute alle Fernsehsender leer, verlor mich auf YouTube. Und dort fand ich Sia.

Und ich weiß nicht, irgendwas an ihrer Stimme und ihrer Musik hat mich geheilt. Ich weiß nicht ob ich es beschreiben kann oder überhaupt versuchen soll zu beschreiben … Sie hat absolute Kontrolle über ihre Stimme und ist gleichzeitig so verletzlich. Sie hat so viel Kraft in ihrem Instrument, und doch ist all diese Wucht informiert von Schmerz und Kummer.

Huch, jetzt wo ich das Video heraussuche sehe ich das erst wieder – lass dich nicht vom Trump am Anfang erschrecken! Er war damals zu Gast bei Saturday Night Live und traditioneller Weise sagen die Gäste die Musikstücke an. Unfassbar. Das war Anfang 2015. Da war das noch alles lustig und tralala mit Donald Trump. Die amerikanische Satire musste sich – meiner Meinung nach zu Recht – nach seiner Wahl vorwerfen lassen, ihn durch ihre Quotengeilheit und ständige Thematisierung normalisiert zu haben. Bis heute haben sie, so weit ich sehe, ihre Strategie nicht geändert. Täglich kommt ein lustiger Monolog ins Fernsehen oder auf YouTube wo sie sich über diesen oder jenen Fehltritt oder Tweet des Präsidenten lustig machen und in einem Nebensatz erwähnen sie die Faschisierung der Gesellschaft. Mit Wortwitz am besten. Sie vergessen: Das Einzige, was Satire im Faschismus gemacht hat, war, zu überleben. Ach, ich schweife schon wieder ab!

Sia ist schon sehr lange Musikerin und war immer schon ein Indie-Geheimtipp. Ihren großen weltweiten durchbruch hatte sie dann als ihr Song „Breathe Me“ für die letzte Szene in der Serie „Six Feet Under“ verwendet wurde. Allein schon die ersten paar Akkorde verursachen bei mir sofort Gänsehaut. Jetzt wo ich darüber nachdenke fällt mir ein dass ich diese Sequenz vor vielen Jahren schon einmal gesehen habe, in einem Seminar zu Fernsehserien an der Uni.

(Die These des Vortragenden war damals, dass Serien im Allgemeinen so beliebt sind, weil sie eine Form der Unterhaltung sind, die durch das ständige Weiterlaufen der Story und die Episodenhaftigkeit, die Möglichkeit, zu Bingen wie auch in Happen zu konsumieren uns Menschen von unserer eigene Sterblichkeit ablenkt. Das Ende von „Six Feet Under“ zeigte er uns als Beispiel für ein besonders außergewöhnliches und konsequentes Serienende. Oft bleiben Serien ja auch unabgeschlossen wenn sie abgesetzt werden, oder sie laufen einfach ewig weiter, ohne dass die Charaktere altern würden (wie die Simpsons etwa). Beides seiner Meinung nach Indizien dafür, wie Serie und Tod zusammenhängen. In diesem Moment, in dem Hörsaal, leuchtete mir das sehr ein. Heute, ganz besonders wenn ich an die Erfinderin des Cliffhangers, Sheherazade, denke, ergibt es erstaunlicherweise noch mehr Sinn.)

Damals war das sehr schwer anzusehen, dieses Ende mit all den Toden, du weißt ja, ich mit meiner Angst …

Ich finde es so schön, dass sie die Texte zu ihren Songs mehr improvisiert als bewusst schreibt, und dass dann trotzdem so wunderschöne Dinge herauskommen. Großartig, wie sie – vielleicht durch ihren australischen Akzent erleichtert – die Silben sanft zurechtbeigt, bis sich „Chandelier“ und „exist“ reimen. Wie sie einfach in Interviews anfängt zu heulen und es kein Zeichen von Unprofessionalität ist, sondern einfach ein Zerbrechlichsein ohne Scham, in dem ja eben erst wieder so viel Stärke liegt …
Sia ist mit dem Touren, den Bühnenperformances und insbesondere auch der Berühmtheit (heute gibt es kaum einen Blockbuster-Soundtrack den ihre Hymnen nicht anführen, die Top Ten aller Pop-Bestseller erhalten mindestens ein Lied aus ihrer Feder) nie klargekommen. Sie kennt Verlust, Trauma, Depression und Abhängigkeit. Und Suizidalität. 
 
Als ich dieses laaange Interview mit ihr hörte entschied ich (in meinem Wahn, in meiner Obsession, meiner tagelangen Qual und Selbstbestrafung), mich an Sias Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Ich würde es so machen wie sie. Ich würde clean werden, und ich würde Dinge tun, die mir gut tun, und das würde funktionieren. Das alles kam viel weniger aus einer rationalen, vernünftigen Überlegung heraus, sondern vielmehr war es eine dankbare, verrückte Annahme eines Vorbilds, vielleicht eine semireligiöse Erfahrung: Ich habe es als Olja nicht geschafft, also werde ich vorübergehend (wie) Sia, um es durch dieses Tief zu schaffen. Ich lenkte meine Obsession von L. auf Sia. Ich kaufte mir eine weiße Perücke mit tief in die Augen hängenden Stirnfransen und ging auf High Heels, mit denen ich kaum gehen konnte, Cocktails trinken damit. Ich schrieb dem süßen Kellner mit der nerdigen Brille meinen Namen auf eine Serviette – so etwas hatte ich noch nie getan; ich flammte auf wie ein Waldbrand.
Irgendwann habe ich dann gelernt wieder Ich zu sein, eben über die Sia-Brücke. Ich habe aufgehört, zu versuchen, L. zu verstehen. Noch heute denke ich mir manchmal, dass ich nie wieder jemanden so schön finden werde wie ihn, oder dass nie wieder jemand so gut riechen wird wie er. Aber das habe ich nach jedem Mann gedacht, und das weiß ich auch. Es ist dennoch schwer abzuschütteln, das Gefühl, diese Angst, irgendeine Kapazität verloren zu haben aufgrund des bleibenden Schadens. Wenn ich heute an L. denke, dann ist das der Hauptgedanke: Ich will wieder jemanden so schön finden. (Damit meine ich jetzt nicht Ästhetik oder ob wer (un)konventionell gutaussehend ist oder so, sondern einfach das Gefühl, das man selbst hat, wenn jemand anderes einfach umwerfend ist. Diese pure, entwaffnende Hingabe, zu der man plötzlich im Stande ist. Arundhati Roy schreibt in „The Ministry of Utmost Happiness“ – auch ein EXTREM lesenswertes Buch: „The moment I saw her, a part of me walked out of my body and wrapped itself around her.“)
 
Ohne L. wäre ich heute um vieles weniger wissend, was mich selbst angeht. (Hier ein paar gesammelte „lessons learned“: https://twitter.com/OljaAlvir/status/860913501312868352)
Ja, es war schrecklich, ja es war lebensgefährlich. Kein Aber, es war’s einfach. Mit Betonung auf war. Ich habe die Konsequenzen daraus gezogen, ich habe gelernt, etwas strenger zu mir zu sein was Genießen und Gute Dinge™ Tun angeht, und ich habe mir versprochen, mich selbst nie wieder für einen Mann derart hängen zu lassen und zurückzunehmen, weil das war mein Untergang. You always have to have your own back.
 
Sylvia Plath sagt: 
out of the ash
I rise with my red hair
and I eat men like air
Ich habe es geschafft, und du wirst es auch schaffen. Für mich war das Ganze ein Weckruf, ein Wendepunkt, aber ich bin ja auch immer so dramatisch, es muss nicht für jede so sein. Du wirst damit auf deine Art und Weise fertig werden, ich bin mir sicher. Und ich bin immer für dich da, egal welche Uhrzeit es gerade bei dir oder bei mir hat.
 
Cmok!
O.
 
P.S.: Da ist meine Sammlung von schönen Dingen, muss ich auch immer wieder durchgehen um sie nicht zu vergessen! 


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Olja Alvir