Liebe in Zeiten des Facetime-Putschs

Publiziert am 16. Juli 2016 in literatura, politika.

Möchtest du etwas Weltpolitisches hören oder einen ruhigen Abend haben?
Sag.
In der Türkei scheint es gerade einen Putsch zu geben.
Was.

Die Nachrichtensprecherin des türkischen Staatssenders verliest eine Erklärung des Militärs. Sie ist blond, auch ihre Augenbrauen sind blond. Mit ihrer (gerade sehr) blassen Haut entspricht sie zu hundert Prozent einem mitteleuropäischen Schönheitsideal. „Aha, aber so eine blonde Türkin!“, denken sich die Zuseher_innen. Ihr Name, Tijen Karaş, wird nirgends erwähnt werden. Auch die BBC-Sprecher_innen, zu denen die Regie nun schaltet, sind blond.

„Moment mal, wir würden gerne wissen, wer Sie sind, das ist in der Redaktion gerade unklar“, sagt die n-tv-Sprecherin im starren Kostüm zur krächzenden Männerstimme am Telefon. Irgendwelche Menschen werden verzweifelt angerufen, eingeblendet, zwischengeschaltet zwischen die Bilder aus Istanbul. n-tv sendet dann von 00:00 bis 06:00 einfach Dokumentationen zum Thema Terror, da arbeitet in der Nacht niemand, der für Putschs zuständig ist. Die Verquickung von Fernsehen und politischen Unruhen.

Die Brücke über den Bosporus. Die zeigen sie alle, und ständig. Jemand bewegt die Kamera dort, das ist keine Überwachungskamera, jemand ist Kameraperson dort. Und die Frage: Führen Putschs oder territoriale Abspaltungen eher zu Bürger_innenkrieg? Wahrscheinlich territoriale Abspaltungen. Wie Jugoslawien. Immer ist alles Jugoslawien.

Korrespondent_innen, Akademiker_innen, generell Expert_innen, die momentan nichts wissen: Sie unterhalten sich jetzt mit den Journalist_innen, die nichts wissen, darüber, was sie nicht wissen. Aber es muss Content her, wie n-tv zu sein kannst du dir heutzutage nicht mehr leisten, also Content für den Ticker, ein Interview hier, ein Bild da, eine unbestätigte Meldung noch. Ohne mich geht da nichts weiter, denken sich die Journalist_innen, und freuen sich, endlich einen Grund zu haben, lange aufzubleiben – abgesehen vom täglichen Sauflager nach der Arbeit. Übermüdet sein, gereizt sein, überarbeitet sein und so viel Content produzieren wie es geht in Zeiten der Krise: Das ist dann Journalismus, du verstehst. Je mehr Information über ein Ereignis besteht, desto weniger wissen wir – These.

Die Einzigen, die wirklich etwas wissen, sind die Demokrat_innen: Nämlich dass ein Putsch noch nie was Gutes (=Demokratie) gebracht hat und so weiter. Warten wir, bis Erdogan abgewählt wird, sagen die Demokrat_innen, warten wir auf den nächsten Wahlkampf, warten wir, nehmen wir in Kauf, nehmen wir in Kauf. Sie haben lang vergessen, dass die ersten Demokratien erkämpft wurden. Dass in Kauf nehmen Mittäter_innenschaft ist. Überhaupt haben die Demokrat_innen am wenigsten Ahnung ihrer Demokratie, und das zeigen sie immer besonders deutlich in solchen Situationen.

Und
#failedcoup
#resistcoup
hängt – teilweise schon von Anfang an – an den Posts der AKP-treuen Medien. Na was nun? Schon failed oder noch zu resisten?

Im 9. Bezirk ist ein Feuerwerk zu hören.
Feuerwerk für oder gegen den Putsch?
Feuerwerk macht man doch eher für etwas, oder?
Kommt wohl darauf an, was für ein Putsch.

“How does this affect ME the protagonist of reality”, schreibt jemand gleichzeitig ganz weit weg und ganz nahe bei dir.

Jemand zählt die Leichen im Mittelmeer.

Olja Alvir