„Dann muss ich dich wohl ansprechen“

Publiziert am 23. März 2017 in literatura.

„Na, dann muss ich dich wohl doch ansprechen.“ Schon in Wien fängt mein heuriger Besuch der Leipziger Buchmesse demütigend an. Während ich am Flughafengate stehe und rätsle, ob das mit der Reise überhaupt klappen wird – ich habe etwas Wichtiges zu organisieren vergessen

                                                                                  (Eigentlich will ich schon jetzt nicht mehr. Nichts mehr, vor allem nicht mehr weiter. Ich hasse reisen, reisen macht mich nervös und unglücklich, in Transit zu sein ist eine fragile, instabile Situation, die mich zermahlt. Ich will mich eigentlich jetzt hier am Flughafen auf den subtil schwarz glitzernden Fliesenboden legen und warten, warten bis mich jemand findet, aufhebt und nach Hause trägt. Aber das geht nicht, es ist zu spät, ich bin schon hier, ich bin schon unterwegs, und ein Stillstand ist nun nicht mehr gewährt. Das Verwehren von Stillstand, das ist wohl, was mich so fertig macht, ich will stehenbleiben können, wann ich will, und nicht, wann ich muss.)

                                                                                  – kommt eine Bekannte auf mich zu. Ich hatte sie schon vorher am selben Gate warten gesehen und erkannt und wie es sich gehört höflich so getan, als wäre sie mir nicht aufgefallen. Jetzt sehe ich aus dem Augenwinkel, wie sie auf mich zukommt, sie wird es tun, denke ich mir, sie wird ein Gespräch provozieren. Sie kennt mich von früher, von damals, als ich noch in der Schule war, noch Kind, noch Teenager, noch weniger desillusionierte junge Frau. Sie ist etwa die Generation meiner Mutter, sie war bestimmt Elternvereinsvorstand, denke ich mir, und sie arbeitet im Kulturbereich. „Na, dann muss ich dich wohl doch ansprechen“, wählt sie ausgerechnet als Aufmacher, als Ice-Breaker aus, die Rollen sind schon jetzt festgelegt, sie muss mich doch ansprechen, müssen doch, dochobwohl sie nicht will, sonst würde sie ja nicht doch. Ich frage mich, warum die Menschen „anstandshalber“ Smalltalk führen, wenn sie sich dabei dann nicht einmal an grundlegende Höflichkeitsregeln halten. Sie gibt mir weder die Hand noch ein Bussi-Links-Bussi-Rechts, wie es in Wien so üblich ist, und obwohl sie mehr als einen Kopf kleiner ist als ich, dominiert sie mich, dominiert sie das Gespräch. Ob ich heuer etwa auch lese. Ja, erkläre ich, ich habe meine Höflichkeitsstimme und mein Höflichkeitsgesicht eingeschaltet, und sage wann und wo. „Also nicht auf der Messe selbst? Achso.“ Sie weiß, dass ich vor einiger Zeit meinen Debütroman herausgebracht habe, aber so wirklich darüber reden will sie nicht. Als Kulturbetriebsmensch müsste sie mir ja gratulieren oder wenigstens Interesse heucheln, aber darauf verzichtet sie. Ich muss etwas getan oder gesagt haben, um in Ungnade gefallen zu sein, sie ist nicht d’accord mit meiner Publikationstätigkeit; sie erzählt lieber von Lesungen meiner großen, schmerzhaften und nicht erwiderten Jugendliebe (als wüsste ich noch nicht davon). Die Fragen, die da manchmal an die Autor_innen gestellt würden! Schwierig, schwierig, meint sie. Literat_innen dürften doch auch einfach mal unpolitisch sein! Man müsse sich doch nicht immer und überall politisch positionieren! (Jetzt weiß ich, was ich getan habe.) Aus ihrem dann doch noch gespielten Mitgefühl und den Tipps und Tricks zum Messebesuch lese ich heraus, dass sie selbstverständlich annimmt, ich wäre zum ersten Mal in Leipzig beziehungsweise überhaupt auf einer Messe. Ich korrigiere sie nicht.

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Was mich am meisten ärgert, ist die Tatsache, dass ich es nicht geschafft habe, saure Gummistangen zu besorgen – weder auf den beiden Flughäfen, noch in den Supermärkten am Weg. Nun versuche ich mein Glück in einem Express-Spar am Leipziger Bahnhof, doch auch hier sieht es schlecht aus. Während ich durch die Regale spaziere und nach einem Substitut und einer Cola suche, kommen zwei riesige, Polizisten – ein Meter neunzig, nein, ein Meter zwei Meter groß – herein und schnauzen einen jungen Herrn an, der offenbar seinen Koffer unbeaufsichtigt gelassen hat. „Entschuldigung“, stammelt dieser leise hervor, er ist zerstreut, und weil er zu zerstreut ist um überbordenden Gehorsam, Reue oder werden die Polizisten noch wütender. „Ja, ich weiß“, sagt der Mann mit dem blonden Bart und blonden, zerzausten Haaren, und packt seinen Einkauf ein. „Na wenn Sie’s wissen dann machen Sie’s nicht“, versucht der Polizist mit der Glänzglatze noch einmal einen Eindruck zu hinterlassen, doch der Mann schiebt nur gedankenverloren Münzen in sein Portemonnaie. Es gefällt mir, wie das Autoritätsgehabe der Polizisten ins Leere geht, weil der Mann sich beständig durch Geistesabwesenheit weigert, Angriffsfläche oder Untertan zu sein, und ich merke mir diese Technik. Gleichzeitig frage ich mich: War heute wieder ein Terroranschlag, oder warum ist die Polizei so …  erpicht darauf, einen Eindruck zu machen? Erpicht ist genau das richtige Wort. Am Liebsten würde ich einfach nur schreiben: „Die Polizei ist heute besonders erpicht.“ Aber das stimmt dann wieder grammatikalisch nicht, weil erpicht ein Worauf verlangt. Dann fällt mir ein, dass ich Schriftstellerin bin, und dass ich eigentlich schreiben kann was ich will, dass ich eigentlich schreiben muss was ich will, und ich korrigiere meine Gedanken – wenn die Polizei nicht einfach nur erpicht ist, dann weiß ich auch nicht.

Olja Alvir