Klaus

Publiziert am 3. Juni 2017 in literatura.

Klaus kommt jeden Morgen zwischen zehn und elf zu mir, außer an Wochenenden, da hat er frei.

Es stört mich ein wenig, dass er Klaus heißt, aber damit muss ich wohl leben. Klaus. Was ist denn das für ein Name? „Klaus“ …Naja, er kann ja nichts dafür, und von den Bewerber_innen war er definitiv der sympathischste und kompetenteste. Aber so ganz ernst nehmen werde ich „Klaus“ wohl nie können. Ich habe ja eher einen „Wie war das nochmal?“- und „Kannst du mir das buchstabieren?“-Namen.

Klaus hat einen Hausschlüssel, aber keinen Wohnungsschlüssel, das heißt, er klopft, wenn er da ist. Er klopft, anstatt zu läuten, weil die Klingel mich und die Katze zu sehr erschreckt. Es gibt wenig Unangenehmeres, als von einer lauten, schrillen Klingel aus dem Schlaf gerissen zu werden. Genau genommen hat er nicht den Hausschlüssel, sondern einen Hausschlüssel – einen Postschlüssel, den Menschen bekommen, die beruflich ständig in Wohnhäuser eintreten, Postler_innen eben oder auch Kuriere. Menschen wie Klaus haben so einen Schlüssel, weil sie nachts in die Müllräume und -Tonnen insbesondere bürgerlicher Gegenden steigen, um nach zwar weggeworfenen, aber noch genieß- und brauchbaren Nahrungsmitteln zu suchen. Und das nicht, weil Klaus etwa arm wäre – nein, nein, er macht das aus ganz selbstlosen, ressourcenschonenden und umweltfreundlichen Gedanken heraus. Es würde mich ja interessieren, wie der Schwarzmarkthandel mit Postschlüsseln so läuft – oder ob da mal ein Schlüssel begonnen hat zu kursieren und alle anderen Nachfertigungen sind – aber irgendwie vergesse ich jedes Mal, Klaus zu fragen.

Zum Frühstück nimmt mir Klaus meist ein frisches Brötchen, einen Croissant oder Doughnut sowie ein Cola mit. Das holt er vom indischen Bäcker um die Ecke, das ist mir ganz wichtig, nicht aus dem Supermarkt, der für Klaus ja auch am Weg läge. Beim indischen Bäcker sind diese Nahrungsmittel nicht wesentlich teurer, und er grüßt und verabschiedet sich immer sehr höflich und weil ich weiß dass sein achtzehnjähriger Sohn sehr krank ist … Naja, obwohl ich da wohl nicht sehr viel tun kann, wenigstens für diesen kleinen Umsatz kann ich sorgen.

Das Cola, das beim Bäcker dann doch neununddreißig Cent mehr kostet als im Supermarkt ist mir sehr wichtig, in der Früh brauche ich das unbedingt wie andere vielleicht Tee oder Kaffee.

Manchmal frühstückt Klaus mit mir gemeinsam, aber meistens hat er schon gegessen. Er ist so jemand, der brav und ausgiebig frühstückt, bevor er sich aufs Rad schwingt. Ich nicht, ich bekomme in der Früh kaum etwas herunter, aber das mit dem Frühstück und mit Klaus’ Ankommen ist mehr so ein Ritual. Rituale sind sehr wichtig, sagt Klaus.

Also wenn Klaus mir Frühstück bringt dann grüßt er ebenfalls freundlich, zieht seine Schuhe vor der Tür aus – das ist mir ganz wichtig –, zieht seine Hausschlapfen an – das ist ihm wiederum wichtig – und fragt mich wie es mir heute geht. Wenn ich „mittel“ oder „schlecht“ sage, dann besteht er darauf, dass ich dusche, bevor ich esse. Er schaut sich auch meine Haare an, bürstet sie, falls sie stark verknotet sind, und sagt mir, ob ich diese auch waschen muss. Manchmal müssen wir ein wenig verhandeln, weil meine Haare sehr lang sind und das Trocknen deshalb auch sehr lange dauert. Aber ich verstehe ihn schon, es fühlt sich ja gut an, mit sauberen Haaren. Der Kopf riecht gut und bei jedem Schwenk gibt’s so einen Shampooduftwind. Das gefällt mir, das Shampoo riecht besonders gut nach Apfel oder was sich die Kosmetikindustrie als Apfelgeruch vorstellt, wir haben es gemeinsam ausgesucht, Klaus und ich, oder ich und Klaus.

Das macht Klaus auch, er geht für mich einkaufen, oder mit mir. Nach dem Frühstück, währenddessen ich gerne Lokalfernsehen schaue, gehen wir gemeinsam die Tagesliste durch. Auf der Tagesliste stehen die Dinge, die zu erledigen sind, zum Beispiel Shampoo einkaufen oder Miete zahlen. Diese Liste schreiben und ergänzen wir gemeinsam, je nachdem, wem gerade etwas ein- oder auffällt, wie zum Beispiel fehlendes Klopapier oder schmutzige Fenster.

Klaus und ich machen uns aus, welche Dinge wir in welcher Reihenfolge erledigen. Während ich esse hat er meistens schon Geschirr gespült, etwaigen Müll eingesammelt und die Katze gefüttert.

Je nachdem ob ich vor oder nach dem Frühstücken dusche, legt Klaus mir frische Kleidung heraus und zwingt mich, meine Zähne zu putzen. Ich hasse Zähneputzen, ich hab’s auch schon immer gehasst. Als Kind habe ich oft einfach nur eine gewisse Zeit lang den Wasserhahn aufgedreht und bin nichtstuend vor dem Waschbecken gestanden, um meinen Eltern gegenüber den Anschein zu wahren, ich würde regelmäßiger Zahnhygiene nachgehen. Klaus weiß das – ich erzähle ihm alles, was potenziell für seine Arbeit wichtig sein könnte, das ist halt meine Art und Weise, mich um mich zu kümmern. „Pass auf, Klaus, ich bin da sehr schlau“, warne ich ihn, und meine eher beim mich und weniger ihn Austricksen. Weil er so vorgewarnt ist, kann er besonders genau schauen und besonders streng mit mir sein. „Ich verstehe nicht“, sagt er. „Vor dem Waschbecken stehen und nicht Zähne putzen dauert doch genauso lang wie vor dem Waschbecken stehen und schon Zähne putzen.“ Er hat natürlich Recht. Ich könnte versuchen, ihm das zu erklären, ich würde irgendetwas sagen in Richtung „das ist doch ein perfektes Sinnbild für meine Situation“ oder „siehst du, so ist es für Menschen, die sich nicht um sich selbst kümmern können“, doch er fragt nicht nach Erklärungen.

„Äußere Ordnung erzeugt innere Ordnung“, sagt Klaus, und obwohl ich weiß, dass es nicht stimmt, sage ich es ihm nach und glaube es ihm, weil es gut klingt, weil es ein guter Satz ist. Ich frage mich, ob Zähne Klaus’ Meinung nach außen oder innen sind, aber ich sage nichts, weil ich schon weiß, was die Antwort wäre: „Ach, hör doch auf, Haare zu spalten, hier.“ Klaus schaut darauf, dass ich nicht ständig der Grübelsucht verfalle, er hilft mir bei der Administration meines Lebens.

Seit etwa sechs Monaten kommt Klaus jetzt zu mir, seit dem August, in dem ich siebzig Pillen schluckte, weil ich den Druck der metallenen Vorrichtung in meiner Brust nicht mehr aushalten wollte. Ich muss statt Rippen Stahlklauen besitzen, jemand muss mir irgendwann diese kalten Greifarme installiert haben, denn von Zeit zu Zeit zieht sich in mir etwas zusammen, und ich kann nicht atmen. Es ist ein Greifautomat, eine claw machine, nur der Preis ist nicht nur unerreichbar, sondern auch unklar.

Die Ausführungen zu meiner Krankheit quittiert Klaus meinst mit einem mitleidigen Lächeln, einem tiefen Ausatmen und einem leichten Kopfschütteln. „Lass mal die E-Mails von heute checken“, oder Ähnliches sagt er dann. Ich weiß nicht ob es ihn nicht interessiert oder nur nicht interessieren soll. Er hat schon einen Punkt, für solche Gespräche bezahle ich ja meine Therapeutin, und doch bin ich etwas beleidigt, dass mein Schmerz ihn so überhaupt nicht fasziniert. Nicht einmal romantisieren tut er mein Leid, er weigert sich stur, mich zu verklären. So professionell ist mein persönlicher Assistent. Aber es stimmt schon: Ich brauche ihn nicht zum Sprechen, ich brauche ihn, den Klaus, den anderen, zum Sein. Ohne Klaus käme ich nicht aus dem Bett und würde weder arbeiten noch Rechnungen zahlen, persönlicher Hygiene nachgehen oder den Haushalt in Stand halten.

Zum Glück kann ich von zu Hause arbeiten – ich bin Übersetzerin. Ich übersetze – egal ob Gebrauchstext, Brief, Artikel oder Literatur – aus meiner Muttersprache ins Deutsche. Ich muss sagen, ich bin da mehr reingeraten, als -gesteuert, es fehlt mir auch die einschlägige sprachliche oder translationswissenschaftliche Ausbildung. Irgendwann während meines genauso aussichts- wie planlosen Studiums hatte ich genug von Deutschnachhilfe und fing stattdessen an, als Nebenjob für Korrespondent_innen und Journalist_innen, die über die Region berichteten oder gerade an etwas Bestimmtem recherchierten, Facebookposts politischer Parteien, Aktivist_innen oder Celebrities zu übersetzen. Aus den Facebookposts wurden Zeitungsartikel, aus den Zeitungsartikeln politische Streitschriften und schon bald übersetzte ich auch erste akademische und literarische Veröffentlichungen.

Dabei habe ich ja sehr wenig Plan von der Grammatik meiner Muttersprache, noch weniger von den Neuerungen und Reformen, die in den letzten Jahren eingeleitet wurden. Doch gemeinsam mit Google, diversen Wörterbüchern und sporadischem Nachfragen bei meinen Eltern schaffe ich es wohl immer wieder, meine Auftraggeber_innen zufrieden zu stellen oder übers Ohr zu hauen – was glücklicherweise oft genug dasselbe ist.

Ich bekomme mittlerweile auch viele Anfragen, aus dem Deutschen in meine Muttersprache zu übersetzen, schließlich bemühen sich etwa Schulen, Behörden, Charities und auch Kulturinitiativen angesichts einer vielfältigeren Gesellschaft langsam stärker um Mehrsprachigkeit. Wie oft muss ich vertrösten: So funktioniert das leider nicht! Die wenigsten Übersetzer_innen können gleich gut von einer in die andere Sprache übertragen, meistens funktioniert das nur in eine Richtung professionell. Klaus und ich haben für solche Fälle eine Antwortvorlage eingerichtet. Was nicht in der E-Mail steht: Bei mir ist das Können erst recht eine Einbahn, ich verstehe zwar meine Muttersprache – so gut wie keine andere, würde ich sogar sagen –, doch ich beherrsche sie nicht. Mein Übersetzen ist eine Übersprungshandlung, ein verlegenes Kichern, das darüber hinwegtäuschen soll, dass ich meine eigene Sprache nicht wirklich spreche, nicht gut genug, nicht so gut wie Deutsch. Spricht mich jemand in meiner beziehungsweise unserer Sprache an, so antworte ich mit ausgewählten, geübten und Sprüchen, Witzchen oder Anekdoten, und wechsle dann schnell das Thema. Ich wechsle schnell auf irgendetwas Hochtrabendes, Akademisches, Philosophisches, in der Hoffnung, meine Gesprächspartner_innen beherrschten wie ich keinen gehobenen Code in unserer gemeinsamen Sprache und würden automatisch mit mir auf Deutsch schalten. Das funktioniert erstaunlich oft, und so glauben alle, ich sei eine Kennerin, eine Auskennerin. Doch ich übersetze nur aus Ahnungslosigkeit; aus der stummen Hoffnung, mir irgendwann einen Reim auf das Ganze zu machen.

Ein Wunder, denke ich mir jeden Tag, ein Wunder, dass mir noch niemand auf die Schliche gekommen ist. Allerdings – so berühmt oder wichtig, dass die Leute – selbst die prätentiösesten – einander fragen würden, ob man schon diese Autorin in der Übersetzung „Wie war der Name nochmal?“-s gelesen hätte, bin ich ja nicht. Und die wenigsten, die beide Sprachen gut genug beherrschen, um meine Arbeit zu überprüfen, würden sich einer solchen Aufgabe widmen, und jene, die es könnten und tun würden, habe ich mir prophylaktisch zu Freund_innen gemacht.

Und so schlängle ich mich durch, eine Betrügerin bin ich, eine Sprachbetrügerin; nicht einmal Klaus weiß von meinem Doppelleben, das keins ist, meinem Eineinhalbleben, Eineinachtelleben wohl eher, meinem deutschen Leben und dem kleinen Sprachen- und dem jämmerlichen Lebensrest, dem Bruch, der meine erste Sprache ist oder geworden ist.

Klaus ist aus dem Mühlviertel, und wenn er entspannt ist oder mit Familie oder Freund_innen spricht – das bekomme ich mit, wenn er telefoniert – passiert das in einem hügeligen Singsang, die Melodie streicht weich über die Kuppen und Täler der Os und As und besonderes OAs seines Dialekts. Wie auch bei so vielen anderen ändert sich das schlagartig, wenn sie mit mir sprechen. Denn wenn sie mit mir sprechen, dann verwenden sie ihre Referatsstimme, ihre Präsentationsstimme, einen halbherzigen und holprigen Versuch einer Standardsprache. Untereinander aber verwenden sie selbstverständlich Dialekt. Ich merke das, und auch wenn ich sie darauf hinweise, dass sie mit mir gerne auch ihre Zunge entspannen können – seien wir uns ehrlich, so schwer zu verstehen sind die deutschen Dialekte dann auch wieder nicht – passiert es ihnen, automatisch wohl.

Es liegt wahrscheinlich an mir, es liegt an der Art und Weise, wie ich spreche, und weil ich keinen Dialekt verwende, antworten sie auch automatisch im Nichtdialekt. Überhaupt ist mein gesprochenes Deutsch sehr seltsam. Bundesdeutsch, Fernsehdeutsch, Theaterdeutsch, ja, das könnte ich vielleicht noch imitieren, aber irgendeinen Dialekt –

in der Schule kicherten sie immer, wenn wir im Musikunterricht „I am from Austria“ sangen. Nicht etwa, weil ich nicht „from Austria“ war, sondern weil das einer der wenigen Momente war, in denen ich gezwungen war, das Dialektale wenigstens auszuprobieren, es in meinem Mund hin- und herzuwälzen wie einen Bissen, den man noch fertigschmecken möchte, den man noch genauer untersuchen muss, bevor man ihn schluckt. Die Beobachtung dieser Verkostung war für sie eine seltene Sensation.

Das erste Mal, dass ich jemanden Deutsch sprechen hörte wie mich, war als ich Natascha Kampusch im Fernsehen sah. Sie war bedacht, sie wählte die Worte strikt und kritisch aus, „erstaunlich eloquent“, sagte man immer. Doch ihre Melodie hing schräg, ihre Lippen spielten rätselhafte Akkorde. Das machte eine Zuordnung – Herkunft, Klasse – unmöglich, sie gehörte nirgends dazu und das wurde bereits daraus klar, wie sie ihre S zischte und ihre Rs rollte. Sie wusste, wie ich, von der Unmöglichkeit, die Zunge locker zu lassen. Die anderen wollen mich immer beruhigen, wenn ich das aufbringe: Ach nein, das fänden sie gar nicht! Als wäre es schlecht oder schlimm, wie Natascha Kampusch zu sprechen. Sie sagen, ich spreche Deutsch mit einem wienerischen Einschlag, aber ich weiß, ich spreche Deutsch mit einem isolierenden Anstrich.

„Mislim da će mo se nekako nanjuškati“, steht in der Kurzgeschichte, die ich heute für eine Anthologie übersetzen soll, und ich denke, das ganze Übersetzen ergibt überhaupt keinen Sinn, nicht nur weil manche Ausdrücke nicht übersetzbar sind, nicht nur, weil ich die Ausgangssprache ja maximal auf dem Niveau einer Zwölfjährigen spreche, nicht nur, weil die hundertprozentig akkurate Übersetzung nicht existiert,

– nein, es ist sinnlos, weil es davon ausgeht, dass es da überhaupt etwas zu übertragen gibt, dass da außerhalb der Unmittelbarkeit eines guten und richtigen Satzes etwas existiert, das es zu vervielfältigen gilt. Ich habe mich in eine Falle gelebt, denke ich, und rolle mich am Teil des Sofas, der direkt unter dem Fenster ist, ein. Klaus sieht von seinen Lernunterlagen, die er meist mitbringt – er studiert irgendetwas an der Universität für Bodenkultur – auf, atmet gutmütig-wissend tief ein und deckt mich mit der violetten Fleecedecke, die immer auf der Sofa-Lehne bereitliegt, zu. Klaus fragt nicht, was los ist, er kennt das schon. Er lässt mich Mittags gern ein Stündchen schlafen, wenn ich mit der Arbeit nicht vorankomme, er weiß, dass ich viel Schlaf brauche, dass für mich alles anstrengend ist, anstrengender als für Menschen ohne Metallklaue, deren Fernbedienung verloren oder kaputt gegangen ist, deren Knöpfe und Schalter scheinbar zufällig drücken und feuern.

Während Klaus neben mir am Sofa sitzt, die Füße in den Filzhausschlapfen auf dem Tisch – das ist bei mir ausdrücklich erlaubt – liest und in dicken Skripten Absätze gelb anmalt, murmelt er leise vor sich hin. Wenn Menschen Gedanken konzentriert innerlich verbalisieren, formen sie meist währenddessen ganz leise die Worte mit dem Mund. Mit einem sehr sensiblen Mikrofon könnte man also den Gedanken beim Entstehen zuhören. Es fällt mir immer wieder auf, dass ich Menschen beim Sprechen fast ausschließlich auf den Mund schaue, und jedes Mal wenn ich mich dabei ertappe, werde ich ganz nervös. Ist nicht die gesellschaftliche Übereinkunft, dass man einander in die Augen sieht? Aber es ist doch gar nicht möglich, in beide Augen gleichzeitig zu sehen – dazu müsste man die eigenen Augäpfel parallel ausrichten statt auf einen Punkt fokussierend und mit dem linken Auge in das rechte Auge der anderen Person blicken und umgekehrt. Das wäre dann erst wieder kein „in die Augen Schauen“, weil schauen und insbesondere sehen ja den korrekten physiologischen Sehvorgang voraussetzt, nehme ich an. Wenn ich mich wieder beim Mundschauen ertappe und dann dazu zwinge, meinem Gegenüber in ein Auge zu schauen, kann ich mich wieder nicht entscheiden, welches, und fange beim zwischen den Augen hin und her Springen langsam an, zu schwitzen.

Ich muss mit den Gedanken Gassi gegangen sein, denn nun weckt mich Klaus mit einem sanften, aber bestimmten Griff auf meine Schulter. Es sei Zeit, wieder aufzustehen. Er habe mir einen Tee gemacht. Hier sei eine Liste an Nachrichten und Texten, die ich noch durchzusehen habe. Meine Gesichtszüge dürften mir entglitten sein; in meinem linken Mundwinkel spüre ich bereits getrockneten Speichel. Dass Klaus mich so sieht, macht mir mittlerweile nichts mehr, er kennt mein Schlafgesicht schon gut. Er scheint auch kein Problem damit zu haben, meinem Schlafgesicht öfter ausgesetzt zu sein. Ich bin da anders: Ich finde es ist eine Grenzüberschreitung, sich das Gesicht einer Person anzusehen, die gerade keine Kontrolle darüber hat. Es ist zu intim, eine bestürzende Nacktheit, zu der ich nicht eingeladen bin.

Klaus ist auch einer der wenigen Menschen, die mein Depressionsgesicht kennen. Wer, wenn nicht Klaus! Man hat als Mensch natürlich viele Gesichter, aber eine Hauptdistinktionslinie, ich möchte nicht sagen, -Falte, verläuft zwischen dem Alltagsgesicht und dem Depressionsgesicht. Es kann gut sein, dass das Depressionsgesicht bei anderen Menschen auch bei anderen Zuständen abgesehen von Depression vorkommt, aber Depressionsgesicht ist trotzdem die beste Beschreibung, alleine schon wegen de-pression, de-pressure, Verdruck, Abdruck, Ent-Drückung, Ent-Rückung. Man merkt ja als Mensch gar nicht, wie man ständig ein Gesicht aufsetzt, ohne es zu merken. Und das soll jetzt keine blöde Masken- und Fassadenmetapher sein, nein, es geht ganz konkret um Gesichtsmuskeln, die man in der Früh anspannt, einspannt, um das korrekte Alltagsgesicht einzustellen. Viel hängt – wieder nicht im metaphorischen Sinne, sondern ganz tatsächlich – von den Muskeln ab, die sich rund um das Gesicht liegen, also die Kiefermuskeln links und rechts und dann ein Muskelstrang, der sich etwa am Haaransatz wie ein weit nach vorne gerutschter Haarreif von einem Ohr zum anderen zieht. Dieser Haarreifmuskel ist auch jener, den Menschen, die mit den Ohren wackeln können, besonders gut steuern können. Doch alle können den Haarreifstrang zu einem gewissen Grade manipulieren, mindestens so weit, um das Alltagsgesicht aufzuspannen. Für das Alltagsgesicht zieht man den Haarreifmuskel ein Stück nach hinten, die Stirn wird etwas höher – kaum merklich höher, vielleicht nur einen Millimeter – und die Augenbrauen kommen meist gleich mit. Das Englische hat dies Verstanden und für Stirn und Brauen gleich ein gemeinsames Wort eingerichtet: brow. Es ist also ein tägliches Faceliften, das Alltagsgesichtskalibrieren, ein Aufzug.

Man merkt ja kaum, wie man auch noch zusätzlich mit den Brauenmuskeln die Brauen hochzieht, um als geistig präsenter und aufnahmefähiger Teil der Gesellschaft zu gelten. „Hier,“ reißt man die Augen auf, „meine Stirn ist gehoben, meine Augen aufgerissen, meine Sensoren bereit, meine Fühler ausgestreckt – gebt mir etwas zu sehen.“ Stirnlage.

Interessanterweise sind die Mundwinkel für die Konstitution des Alltagsgesichts von niedrigster Bedeutung. Es schadet natürlich nicht, zu lächeln, generell den Mund in irgendeiner Form anzuspannen, doch bestimmend ist die Tatsache, ob man die Spannung und also den Willen, überhaupt ein Gesicht am Haarreifmuskel zu tragen, verloren hat oder nicht.

„Du schaust ja was gleich“, notiere ich als Übersetzung von „pa danas lićiš na nešto“, dem Text einer Sprechblase eines Bildungscomics für Teenager, den ich noch heute fertigübersetzen soll. „Österr.“ schreibe ich mir krakelig dazu, ich habe vergessen, woher der Auftrag kommt, für den deutschen Markt muss man das natürlich anders formulieren.

Vielleicht hätte ich Deutsch nie lernen sollen. Nein – ich wünschte, ich hätte nie Deutsch gelernt. Deutsch hat mich erledigt, es hat mich ruiniert. Könnte ich, ich würde es sofort vergessen.

Am frühen Nachmittag geht Klaus wieder, schließlich kann er nicht den ganzen Tag auf mich aufpassen. Könnte ich es mir leisten, würde ich es mir allerdings ernsthaft überlegen, Klaus’ Assistenz Vollzeit zu buchen. Aber wer weiß, ob er das überhaupt will. Klaus füllt oder leert noch den Geschirrspüler und die Waschmaschine, bevor er geht, und fragt mich, was ich heute noch erledigen und insbesondere essen werde.

Heute gehen wir gemeinsam aus dem Haus, Klaus will mich noch zur Straßenbahnstation begleiten. „Komm,“ – er sagt meinen Namen dankbarerweise nie, wie falsch er ihn auch aussprechen würde –, „es ist Zeit für deinen Termin, nicht, dass du zu spät kommst, ich weiß ja, wie sehr du das hasst.“ Ich bin etwas zittrig auf den Beinen, die zwei Treppenabsätze herunterzustaksen gestaltet sich mühsam.

Klaus hält mir die Glastür auf und zum ersten Mal seit längerem – es ist Montag – trete ich an die Luft. In Floridsdorf hängt eine saftige Pfirsichsonne im Himmel. Der Wind will Frühling, doch die Stadt meint nein, noch nicht. Irgendwas schimmert im Schein von irgendwas, und Feinstaub und Nebel verwechseln einander.

Jemand sagt Lichtverschmutzung, und ich denke mir blinzelnd: „Ja, das gefällt ihnen, das Wort. Das gefällt euch, gell?“

Olja Alvir