Helfen am Hauptbahnhof

Publiziert am 6. September 2015 in politika.

Ich muss was loswerden. Ich muss… Ja. Anders kann ich es nicht beschreiben, als dass da irgendetwas in mir drinnen „wurlt“, was ich weg-, heraus- oder losschreiben muss.

Zwei Schichten habe ich nun schon am Hauptbahnhof Wien bei der Versorgung von größtenteils syrischen Flüchtlingen, die gerade aus Ungarn über Österreich oft nach Deutschland unterwegs sind, verbracht. Und diese paar Stunden haben in mir so viel ausgelöst, dass ich diesen Blogpost schreiben muss, um meine Gedanken zu ordnen, um mich wieder zusammenzusetzen. Keine Klugen Leads hier, keine schlauen Wortspiele, kein Superduperjournalistinnentum, nur ausschreiben.

Ich bin selbst Flüchtling. Mehr möchte ich dazu eigentlich nicht sagen. Aber wahrscheinlich sagt das auch schon fast alles.

Als ich am ersten Tag um etwa 6:30 zur Morgenschicht antrat, schliefen ungefähr 40 Geflüchtete auf Feldbetten in einem Raum der ÖBB am Wiener Hauptbahnhof. Es war ruhig, es waren nicht sehr viele Helfer_innen da, vielleicht 20. Ein paar kannte ich schon und freute mich sehr, sie dort zu sehen. Man unterhielt sich über schwierige Fälle und wie man damit umgehen soll. Das erste, was ich tat, war mich über die Attitüde der helfenden „Schwabos“ zu ärgern. Aber dazu mehr später.

Ich gab meine Spenden (größtenteils Kleidung) ab und übernahm dann die Social-Media-Betreuung der Accounts der selbstorganisierten Helfer_innengruppe. Auf Twitter und auf Facebook wurden hier, anders als am Westbahnhof, wo alles ein bisschen analoger organisiert ist, ständig Updates dazu gepostet, welche Spenden gebraucht wurden, wovon es genug gab, auch andere organisatorische Fragen wie die Leihgabe teurerer Dinge oder Anfragen für Autotransporte wurden fast ausschließlich über diese Kanäle abgewickelt. Es war viel Arbeit: Minütlich kamen die Fragen und Spendenangebote der Menschen als Mentions, Facebookkommentare oder Privatnachrichten an.

Am Social-Media-Tisch saßen oft auch Koordinator_innen, und so bekam ich sehr viel von den verschiedensten Aufgaben, die an so einer Support-Stelle anfallen, mit. Wer kann Geflüchteten in der Nähe eine Duschmöglichkeit bieten? Wer begleitet sie dorthin? Wer kümmert sich darum, dass Decken gewaschen werden? Wer organisiert die Kommunikation zwischen Lager und anderen Kanälen? So viele Dinge gibt es zu bedenken und zu erledigen, jede paar Sekunden kommt etwas Neues, was noch nicht vorhergesehen wurde, dazu.

(c) Olja Alvir

Foto: Olja Alvir

Eines der Dinge, die ich als erstes mitbekam, war die Tatsache, dass viele schon lange Zeit ununterbrochen am Hauptbahnhof gewesen waren und kaum Pausen gemacht hatten. Ich kenne dieses Phänomen in der Freiwilligenarbeit schon sehr gut. Wenn man erst mal drinnen ist, wenn man erst mal in einem Flow ist, dann ist es schwer, auszusteigen. Man hat sich doch gerade erst eingearbeitet! Und jetzt könne man erst recht nicht gehen, jetzt ist doch Y passiert und außerdem wird X erwartet. Und wenn nicht jetzt jemand Z macht, dann wissen die Leute danach ja überhaupt nicht, was zu tun ist. Ach, mit einem Kaffee geht das schon!

Selbstverständlich ist es schön, dass Menschen anderen Menschen bis zur äußersten Erschöpfung helfen wollen. Allerdings beschleicht mich auch das Gefühl, dass es einen unterbewussten „Wettkampf“ gibt, wer es länger aushält. Nach 7 oder 8 Stunden schon zu gehen – dafür schämte ich mich fast. Aber ich habe mich schon oft in meinem Leben auf diese Art und Weise überarbeitet, was mich zu einer gewissen Konsequenz erzogen hat. Das ist eine der Schattenseiten des Helfens. Es werden in diesem Post noch einige kommen – vielleicht ist das eine Art „Motto“ dieses Textes, mal sehen.

(c) Olja Alvir

Foto: Olja Alvir

Die nächste Sache, die mich sehr nachdenklich gemacht hat, war eine Diskussion darüber, welche Tickets mit Spendengeld gekauft werden. Einige waren der Ansicht, dass man Geflüchteten nur Tickets nach München zahlen sollte, wo sie mindestens einmal in Deutschland sind und dann weiterschauen können. Man könne keine Tickets für aussichtslose oder teure Destinationen wie Italien, Hamburg oder Berlin zahlen. Irgendwer sagte: „Ich kann da kein Wunschkonzert spielen.“ Dass irgendwelche dahergelaufenen Nicht-Geflüchteten Schwabos darüber entscheiden, wohin ich fahren darf und wohin nicht – das war für mich, aus meiner persönlichen Flüchtlingsperspektive, beleidigend. Ich verstehe zwar die Überlegung, dass man lieber vielen ein bisschen helfen möchte statt mehrere hundert Euro für Tickets nach Belgien auszugeben. Aber dann muss man doch konsequent sein, oder? Dann müsste die selbstorganisierte Supportstelle eine Art Antragsprozedere einleiten, wo geprüft wird, wer inwiefern bedürftig ist… Und das ist doch exakt, was die Staaten im Asylzirkus machen. Nein. Ich habe immer gesagt: Zahlt allen alles, so lange wir können. Man kann als Nicht-Involvierter nie wissen, warum jemand zum Beispiel ausgerechnet jetzt nach Budapest will. Oder in die Schweiz. Vielleicht hat die Person Familie dort! Vielleicht kennt sie jemanden, der sie dort unterstützen kann. Man darf sich, denke ich, als helfende Person nicht anmaßen, die Bedürfnisse Geflüchteter zu policen. Man kann sie darüber informieren, dass Italien sie wahrscheinlich wieder nach Ungarn zurückschickt, ja. Aber man sollte niemals eine weitere Hürde sein, auch nicht im guten Willen, sondern immer versuchen, eine Leiter zu sein.

Wenn ich so Leiter schreibe, dann muss ich daran denken, wie schnell auch teilweise ausgefallene Spendenwünschen am Hauptbahnhof nachgekommen wird. In meiner ersten Schicht war es so, dass maximal eine halbe Stunde, nachdem zum Beispiel auf Twitter nach Schachteln gefragt wurde, mindestens drei verschiedene Leute mit einem Haufen Schuhkartons da waren. Bei meiner zweiten Schicht überschlugen sich die Dinge bereits so sehr, dass man fast sofort nach einem Aufruf schon den Aufnahmestopp verkünden muss, weil man sonst mit 14 Generatoren oder 8 Megafonen dasteht und aber nur 2 braucht.

In den letzten Jahren bin ich dank der Organisation des Femcamps 2014 und meiner Arbeit in der ÖH mit basisdemokratischen Organisationsformen vertraut geworden. Niemals hätte ich mir aber gedacht, dass sie auch in Drucksituationen wie dieser derart gut funktionieren können. Das Team am Hauptbahnhof arbeitet schnell, koordiniert und professionell – und das ohne Chef. Klar hat der Hauptbahnhof-Support ein (nicht unbedingt medienscheues) Gesicht, klar gibt es Leute, die schon länger dabei sind und mehr gefragt werden. Auch steigt manchmal jemand auf den Tisch um etwas zu sagen. Aber 99 Prozent der Zeit ist es:

„Könntest du bitte … ?“
„Wir vom … bräuchten bitte noch … .“
„Hoppala, wir haben ganz vergessen, uns um … zu kümmern!“

Ich hatte nie das Gefühl, dass ich jemandem unterstehe oder jemandes Befehle auszutragen habe (hätte ich auch nie, das ist aber eine andere Geschichte). Ich habe zwar viel am Computer gemacht, habe aber auch aufgeräumt, Botengänge durchgeführt, mit Geflüchteten gesprochen, Poster gemalt und so weiter. Und so ging es den meisten, wie ich beobachtet habe: Niemand war sich zu schade, für einen Tag das Putzpersonal zu sein. Man kommt einfach zum Hauptbahnhof und sagt: „Hallo, ich bin jetzt da, wie kann ich helfen?“ und arbeitet sich dort ein, wo man gerade gebraucht wird. Achja, das ist auch ein toller Aspekt: Wie schnell und flexibel und spontan alle sich einbringen. Keine Teambuilding-Seminare in der Steiermark, sondern einfach Teamwork. Keine Einschulungen mit Klemmbrett-Notizbuch, sondern Hausverstand, Eifer und Mitdenken. Für mich ist die Arbeit am Hauptbahnhof gerade eines der schönsten Beispiele dafür, wie ein unabhängiges Projekt von null aus entstehen kann, ohne Hierarchien zu benötigen. Dadurch, dass ständig und auch spontan die Belegschaft wechselt, wäre es sogar viel mehr Arbeit und wahrscheinlich auch an der Grenze des Möglichen, durchgehend dieselbe „Leitung“ und Struktur durchzusetzen.

(c) Olja Alvir

Foto: Olja Alvir

Viel wurde schon gesagt über Selfies beim Helfen – Helfies? – und ich weiß gar nicht mehr, was man da noch hinzufügen könnte, außer: Soll man sich nicht gut fühlen beim Helfen? Soll man das nicht artikulieren? Welches Gefühl sollten Helfer_innen dann beim Helfen haben? Reden wir darüber, denn das ist eine Frage, die an den Kern vieler Existenzen – nämlich die Motivationen, wegen derer man Dinge tut – geht. Ich würde sagen: Sich beim Helfen gut zu fühlen ist gut. Es sollte aber nicht der Zweck sein. Man sollte auch Helfen, wenn es sich ganz org scheiße anfühlt, aber trotzdem richtig ist. Was allerdings nicht sein sollte, ist „So hilft mein Österreich“ und „ich bin so stolz auf meine Landsleute, die so brav helfen“. Helfen sollte nicht stolz machen. Helfen, bescheiden bleiben.

Ich habe hier jetzt irgendwie viele Dinge geschrieben, die oft während ähnlicher Aktionen verschwiegen werden, um tolle Projekte wie der Support am Hauptbahnhof es ist nicht unnötig schlecht zu machen. Aber ich halte es für wichtig, auch Freiwilligenarbeit zu reflektieren. Ich hoffe, ich bin niemandem auf die Zehen gestiegen. Wie so oft ist es einfacher, Negatives zu artikulieren als Positives, aber ich versuche es trotzdem:

Zu sehen, wie selbstverständlich und selbstlos andere Geflüchteten helfen, wärmt einen ganz ganz besonderen Winkel meines Herzens.

Zu sehen, wie respektvoll alle miteinander umgehen, ist wunder-, wunder- wunderschön.

Zu beobachten, wie aus dem Nichts heraus etwas Unabhängiges, Pures – einfach Kraft des Willens der Mitmachenden – wächst, ist eine Erfahrung, die mich demütig werden lässt.

Ich hoffe, ich kann euch auch nur annähernd so viel geben, wie ihr mir.

Update vom 30. September 2015:

Ich sehe viele Dinge immer noch so, allerdings haben sich auch viele Dinge verändert. Das ist generell so: Jedes Mal wen ich hinkomme, ist schon wieder etwas anders, schon wieder etwas professioneller geworden. Besonders unterstreichen muss man da die psychologische Beratung und Hilfe, die jetzt für die Helfer_innen vor Ort ist. Das ist soweit ich weiß ein einmaliges Projekt und sehr bewundernswert. Allerdings sehen sich manche Psycholog_innen auch als Entscheidungsträger_innen beziehungsweise gibt es die Gefahr, das da eine Hierarchie-Ebene eingezogen wird. Da muss man gut aufpassen.

Ein weiterer Punkt, der positiv herausgestrichen werden muss, ist die Tatsache, dass es jetzt wöchentliche Plena für die Helfer_innen gibt. Das ist ein sehr wichtiger Schritt, der dafür sorgen kann, dass man sich austauscht, dass Probleme angesprochen und gelöst werden und dass gemeinsam Entscheidungen gefällt werden sowie dass das Handeln der einzelnen Helfer_innen gestreamlined wird.

Etwas, was ich vergessen habe, in meinem Blogpost dazuzuschreiben: Es ist klar, dass so viele, die Helfen kommen, nachher gar nicht mehr wegkommen. Es ist eine erfüllende Arbeit voller motivierender Momente, die einem einen Flow beziehungsweise ein High bescheren, sodass man leicht auf die eigenen Bedürfnisse vergisst. Es ist also nicht nur teilweise wie ich vermutete oder unterstellte ein Wettkampf, es ist eine Selbstverständlichkeit, die sich aus der Art und Weise der Arbeit ergibt. Soweit ich mitbekommen habe gibt es jetzt aber Versuche, besser aufeinander zu schauen, zum Beispiel indem auf das Namensschild die Dienstantrittszeit aufgeschrieben wird. Wer zu lange da ist, wird nach Hause geschickt.

Olja Alvir