Einmal da, immer da

Publiziert am 28. Februar 2017 in mediji.

daStandard ist Geschichte. Das Migrant_innenprojekt von derStandard.at wird nach sechs Jahren kritischer Berichterstattung jenseits des Mainstreams eingestellt. Ein Resümee

Fast exakt vor fünf Jahren erschien mein erster Artikel bei daStandard.at. Seitdem hat sich viel getan – bei mir, meinem Verständnis vom und meiner Sicht auf den Journalismus, in der Medienbranche und natürlich auch beim Standard. So wurde vor wenigen Wochen durch Eva Zelechowski laut, dass es den – von manchen liebevoll, von anderen wiederum gehässig so genannten –„Tschuschenstandard“ nicht mehr gibt.

Die ehemals eigenständige URL daStandard.at leitet auf eine Unterseite derStandard.at/daStandard weiter, der Twitterhandle @daStandardat existiert nicht mehr.

Der Falter zog mit einer kurzen Meldung nach: Keine Kohle, so die offizielle Begründung. (Auch dieStandard.at ist nun hinter einen Backslash gerutscht, was das bedeutet, weiß ich nicht – vor einigen Jahren gab es bereits Befürchtungen, die feministische Plattform würde eingestellt, jemand tweetete vom offiziellen dieStandard.at-Twitteraccount auch eine Verabschiedung. Meine Vermutung – ein Blick in das Impressum, in dem früher 2-3 Namen von Redakteur_innen standen, bestätigt wohl – ist, dass dieStandard.at keine eigene Redaktion mehr hat, sondern von anderen Ressorts bespielt wird.)

Schon im Sommer 2015 wurde das Budget von daStandard.at von zunächst sechs bezahlten Artikeln pro Woche (eine täglich und eine fürs Wochenende) auf eine bezahlte Geschichte pro Woche gekürzt.* Diese Kürzung bedeutete für einige Redaktionsmitglieder eine große Veränderung und warf mitunter auch existenzielle Fragen auf, so konnten sich doch einige von uns durch regelmäßiges Publizieren bei daStandard.at über Wasser halten. Neben der einen bezahlten Geschichte sollte daStandard.at nun vermehrt durch Kolumnen und insbesondere „User Generated Content“ gefüttert werden.

Hach, dieser User Generated Content … so eine tolle Strategie, mit der sich Medienhäuser Honorare sparen, indem sie treue Leser_innen mit etwas Zeit im Rampenlicht bezahlen. Warum Journalist_innen für einen Kommentar bezahlen, wenn ich aus hunderten Menschen auswählen kann, die sich sämtliche Glieder ausfreuen, gratis bei einer der wichtigsten Online-Plattformen publizieren zu können? Plus: UGC fördert die Bindung zwischen Unternehmen und Kund_innen. Was auf der Strecke bleibt, ist natürlich die Qualität und der Journalismus: Leser_innen sind keine (ausgebildeten) Journalist_innen, und obwohl ihre Inputs oft informativ und erhellend sind, so kann von ihnen nicht erwartet werden, eh schon wissen.

Schätzen wir grob, dass eine daStandard.at-Geschichte im Schnitt 100€ an Honorar brachte. Das heißt, dass das ursprüngliche daStandard.at Modell – mehrfach ausgezeichnet, kritischer Journalismus mit spannenden, neuen Blickwinkeln, antirassistische Arbeit, Stepping Stone für Journalist_innen mit Migrationsgeschichte – dieses Modell kostete das Unternehmen wohl ca. 100 € * 6 (Tage) * 4 (Wochen) = 2400€ im Monat.

Nach den Veränderungen 2015 sanken die Kosten dann wohl auf rund 400€ (Server, Lektorat, Social Media und dergleichen werden hier nicht dazugerechnet, da derStandard.at ja sowieso online ist und es meiner Erfahrung nach länger schon keinen eigenen Posten für diese Tätigkeiten gab, die einfach von anderen Redakteur_innen während der normalen Arbeitszeiten erledigt wurden.) Dass es nun plötzlich keine 400€ pro Monat in der Kasse geben soll, ist, sorry, Bullshit.

Was es nicht gibt, ist Willen, das Projekt weiterzuführen und es derart zu finanzieren und gestalten, dass es qualitativ hochwertig arbeiten kann. Dafür wäre nämlich bestimmt (wieder) eine Teil- oder Vollzeitstelle innerhalb der Redaktion notwendig, die sich ausschließlich mit daStandard.at beschäftigt.

Generell wird nicht so gerne darüber gequatscht, wer wie viel bezahlt bekommt –

doch dies gehört zu einer effektiven antirassistischen Arbeit und dem Anspruch Qualitätsjournalismus zu machen dazu. Wir Migrant_innen, People of Color und andere Marginalisierte müssen genauso für Lohnarbeit bezahlt werden (so lang halt noch Kapitalismus ist, gö); unsere Geschichten sind nicht nur zu bestaunende Exponate oder Schaufensterware, es handelt sich hier um echtes, klassisches journalistisches Handwerk, das von der Redaktion geboten wurde.

Nicht zuletzt erschüttert die Nachricht um die Einstellung von daStandard.at mich, weil gerade heute, und gerade in diesen sogenannten Zeiten Berichterstattung über Migration jenseits von Skandalisierung, Desinformation, haaresträubendem Rassismus und Boulevardesken dringend notwendig wäre.

Was genau der Grund für die komplette Einstellung von daStandard.at ist, ist mir nicht klar, und warum sich daStandard.at nicht wie dieStandard.at als Marke erhält, auch nicht. Ziemlich sicher waren die Veränderungen und Kürzungen 2015 eine Verschlimmbesserung, vielleicht sind die Klickzahlen heruntergegangen, vielleicht änderten sich Strukturen und Personalien innerhalb der Redaktion und der „Tschuschenstandard“ verlor an Priorität.

Nichtsdestotrotz möchte ich dieses skurril leise Ende eines ursprünglich großartigen Projekts – die Kids von heute würden es „ghosting“ nennen – dazu nutzen, ein kleines Resümee zu ziehen. So sehr man die „Auslagerung“ von Migrationsthemen in ein eigenes Ressort kritisieren möchte – und das wurde im Laufe des Projekts zu genüge getan – es war ein revolutionäres und neues Konzept (I know, right! Heute sind wir da schon weiter, wenn auch nur ein wenig.), Migrant_innen selbst über Migration berichten zu lassen und somit zu versuchen, Definitionsmacht über relevante Themen zu gewinnen. Für mich und auch andere Kolleg_innen war es ein Ort, in dem wir erste Schritte machen konnten, vielleicht sogar ein safe space, eine Redaktion, in der wir uns heilsam über Themen, die bewegten, austauschen konnten und sensibilisiert und informiert darüber berichten.

Olivera Stajić hat mir alles beigebracht, was ich über Journalismus weiß. (Hoffentlich legt ihr das jetzt niemand wegen meinen bescheidenen Künsten als Beleidigung aus!) Sie ist die beste Chefin, die ich je hatte, und hat sich für jeden Text Zeit genommen, jede Zeile genau gelesen und jedes Problem, alle nicht hundertprozentig korrekten Aussagen oder fehlenden Belege mit einer Treffsicherheit angekreuzt, die ich aus dem tagesaktuellen Journalismus nicht kenne. Und das ohne autoritär zu werden, den Ton zu wechseln. Sie hat mir immer das Gefühl gegeben gemeinsam produktiv an etwas zu arbeiten, sie war nie enttäuscht oder böse, wenn etwas nicht so recht funktionierte. In einer Branche mit viel Prestige, viel Eitelkeit, großen Existenzängsten und viel Arschgekrieche konnte sie demütiges Verbeugen nicht ausstehen: „Du brauchst dich nicht entschuldigen! Wenn etwas nicht klappt ist es genauso Teil meines Jobs, damit fertigzuwerden.“ Daran denke ich auch heute oft, wenn bei mir etwas nicht klappt. Von den wichtigen alternativen Sichtweisen auf viele in Österreich mühsam und immer gleich diskutierten Themen bräuchten wir meiner Meinung nach dringend mehr. Für einen ordentlichen Schleudergang für die alten, verkrusteten Vorstellungen zu Sprache, Migration und Gesellschaft, empfehle ich (neben den bekannten, die ihr eh schon gelesen habt) diese Texte von Olivera:

Selbstverständlich haben auch meine Kolleg_innen großartige, progressive Arbeit geleistet und mich – damals sicher etwas full of myself, muss ich zugeben – erstens auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt was meine eigenen blinden Flecken und Intoleranzen angeht und zweitens mit ihren bahnbrechenden Ansätzen inspiriert.

Meine Liebsten, es war eine großartige Zeit. Ich habe so viel von euch gelernt und durfte an euch als Person wachsen und mich dank euch weiterentwickeln. Bleibe ewig eine Lilane! Einmal da, immer da.

 

 

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P.P.S.: Ein Blatt mit Arbeitsproben von mir, wo auch viele daStandard.at-Artikel dabei sind, gibt es hier.

Olja Alvir