Die Anfänge sind da

Publiziert am 9. April 2016 in politika.

Folgende Rede wurde am 8. April 2016 bei der Veranstaltung „Tanzen gegen Rassismus“ in Klagenfurt gehalten. 

Ich habe sehr lange überlegt, wie ich heute beginnen möchte. Ich habe mir Begrüßungen, Überleitungen und Spielereien zurechtgelegt. Ich habe mir gedacht – ich sag einfach, dass ich euch jetzt noch ein paar Minuten mit Migrationspolitik nerven darf, bevor die Party steigt. Aber eigentlich habe ich keine Lust auf solche Witzeleien. Was ich wirklich sagen will:

Alles ist scheiße. Alles ist scheiße, wenn man sich die aktuelle politische Lage in Europa ansieht, wenn man sich die Lage der Geflüchteten ansieht, die hier ein besseres, sichereres, weniger lebensgefährliches Leben suchen. Entschuldigung, aber es ist so, es ist scheiße, da kann ich jetzt mit meinem ganzen Journalist_innen- und Autor_innenvokabular auch keinen besseren Ausdruck finden.

Ich bin gemeinsam mit meiner Familie vor etwa zwanzig Jahren nach Österreich gekommen. Damals wütete nicht weit von hier der Bürgerkrieg in Jugoslawien und mehr als 2 Millionen Menschen machten sich auf den Weg, vor allem nach Österreich, Deutschland und nach Schweden. Natürlich gab es damals Vorurteile gegenüber den Jugos, oder wie man auch sagt und sagte, Tschuschen. Natürlich war Österreich damals nicht weniger borniert, nicht weniger provinziell, nicht weniger rassistisch als heute. Natürlich gab es einige, die den Geflüchteten mit irgendetwas zwischen kleinem Hass und großem Hass begegneten. Ich sage hier extra nicht Furcht, weil die Furcht vor Flüchtlingen ist keine Furcht. Furcht ist, wenn man nicht weiß, ob man die eigenen Eltern jemals wieder sieht, oder ob man diesmal, ob man vielleicht heute auf dem Weg zum Haus der Schwester von Bombensplittern erwischt wird. Die Furcht vor Flüchtlingen ist immer eine eingebildete, eine von rechten politischen Akteuren eingeredete, falsche.

Jedenfalls gab es damals, vor 20, 25 Jahren, sowohl seitens der Politik als auch seitens der Zivilgesellschaft die breite Bereitschaft, Menschen, die … nun ja, Menschen, die um ihr Leben flüchten – zu helfen. Es wurden Geflüchteten wie mir und meinen Eltern zum Beispiel Aufenthaltsgenehmigungen und Arbeitserlaubnisse ausgestellt. Stellt euch das vor: So ganz ohne Asylverfahren, ohne Rot-Weiß-Rot-Card, ohne Werteschulung und ohne Deutsch- oder Integrationskurs, ohne minutiöse Überprüfung der Nützlichkeit dieser gerade aus dem Schusslinie von Scharfschützen gesprungenen Person für die österreichische Wirtschaft, ohne schikanierenden Gesinnungstests. Das kann man sich heute eigentlich gar nicht mehr vorstellen. Einfach so eine Aufenthaltsgenehmigung! Für Nicht-EU-Bürger! Für Drittstaatsbürger, für drittklassiges Menschenmaterial! Das ist aber etwas, was ein Staat nun mal machen kann: Leuten, die kommen, ein Leben ermöglichen. Wenn er nur will. Und er wollte. Damals.

Damals, als in kürzester Zeit über 100 000 Geflüchtete – nochamal: HUNDERTTAUSEND! – hierher kamen, haben viele Österreicher_innen Menschen oder ganze Familien bei sich zu Hause aufgenommen. Unter anderen auch meine.

Und heute pinkeln sich Milk-Leitner, Kurz, Faymann und co. an, wenn ein paar tausend Syrer_innen durchreisen.

Es ist erschreckend, wie drastisch sich die Stimmung in zwanzig Jahren verändert hat. In Deutschland häufen sich die Anschläge auf Unterkünfte und Migrant_innen derart, dass eine Meldung eines Brandanschlages nur kaum mehr zu bewegen mag. 2016 sind es schon drei Anschläge pro Tag. PRO TAG! Die Österreicher_innen möchten dem großen Vorbild Deutschland wohl um nichts nachstehen und rüsten laut Medienberichten mit Waffen und Waffenscheinen auf. Anrainer_innen, überhaupt die schlimmste aller Bevölkerungsgruppen, die organisieren überall Widerstände gegen Geflüchtetenunterkünfte. Wie kommen die überhaupt auf die Idee, dass sie da Mitspracherecht haben? Hat mich irgendwer gefragt, ob ich aus meinem schönen, mehrstöckigen Haus mit Garten in Jugoslawien in einen kleinen, dunklen, feuchten-dreckigen Keller in Niederösterreich kommen will? Oder in die Substandard-Wohnung ohne Heizung und Klo in Stadlau? Wisst ihr eigentlich, wo Stadlau ist? NIRGENDWO. Darum geht es – Geflüchtete, diese Unbequemlichkeit, mit der man sich dummerweise durch die Ratifizierung der Menschenrechts- und Flüchtlingskonventionen verpflichtet hat, so weit weg, so isoliert wie möglich zu halten. Ihr kennt das von der Saualm. Aber dazu später mehr.

Vor ein paar Tagen entsetzte mich die Nachricht, dass es nun in einigen Städten Ösistans sogenannte „Sicherheitsbürger“ geben würde, die mit der Polizei zusammenarbeiten würden. Wisst ihr wofür „Sicherheitsbürger“ steht? In den Zeiten der guten alten DDR und Jugoslawiens hießen diese Leute Spitzel. Der österreichische Staat organisiert Spitzel, die der Polizei Verdächtiges und Verdächtige melden sollen. Wenn man sich ansieht, wie vorurteilsbehaftet schon alleine die Polizei hierzulande ist, dann will ich wirklich nicht genauer wissen, wie ungeschulte, selbsternannte Volkshüter zum Beispiel mit den Themen Rassismus und Sexismus umgehen. In Wiens U-Bahnen patrouillieren „private Sicherheitsleute“, in mehreren großen Städten formieren sich „Bürgerwehren“, die autochthone Österreicher und Österreicherinnen vor Kriminalität, das heißt vor braun und ausländisch aussehenden Männern und Frauen mit Kopftuch „schützen“ sollen. Auch das gab es in Zeiten Jugoslawiens, diese Bürgerwehren. Kurz vor dem Zusammenbruch nämlich. Und wisst ihr wozu die da waren? Zur Rekrutierung für die künftigen Armeen des Bürgerkriegs.

Klingt alles ziemlich kacke, oder? Es sind reaktionäre Zeiten, meine Freunde und Freundinnen, zutiefst reaktionäre Zeiten. Die Demokratie hat versagt. Sorry, aber es ist so. Mithilfe unserer tollen Demokratie werden an den Grenzen Europas Menschenrechte und Menschen ins Meer geworfen. Alles ganz legitim demokratisch entschieden, by the way, macht euch da keine Illusionen, dass wenn ihr andere Maxerl hinwählt dass das dann groß anders wäre. Die Europäische Union hat endlich ihr wahres Gesicht gezeigt: Eine Zoll- und Währungsunion, die das mit dem Friedensprojekt und der Solidargemeinschaft mehr so in den Lebenslauf geschrieben hat, weil es cool klingt.

Als Journalistin bin ich es gewohnt, Dinge nach ihren Gründen, Hintergründen und Mechaniken zu analysieren, zu einer vernüftigen Debatte und sachlichem Argumenteaustausch aufzurufen. Aber ich habe sie satt, die ganzen Analysen und Vernunftsaufrufe. Ich sage nicht mehr „Wehret den Anfängen“, denn es ist zu spät. Die Anfänge sind da.

Scheiße, Kacke, Sranje, drek.

Jetzt wäre dann der Zeitpunkt in der Rede gekommen, wo ich euch Mut machen sollte, oder? Na gut. Wir könnten damit anfangen, froh zu sein über die Desillusionierung, die gerade stattfindet. Es zeigt mir, es zeigt uns, was nun wirklich zu tun ist. Damit ihr eines Tages eine Antwort habt auf die Frage: „Mama, Papa, Oma, Opa: Was hast du eigentlich getan, als es mit Europa den Bach runter ging?“

Was ich euch heute nicht sagen werde, ist dass ihr den richtigen Bundespräsidenten wählen gehen oder Petitionen unterschreiben, spenden oder gar demonstrieren sollt. Obwohl das natürlich nicht schadet, versteht mich nicht falsch. (Das kann man schon machen, wenn man zu viel Freizeit hat, oder Geld.)

Wir, also ich und meine Familie und alle anderen die in damals Jugoslawien in Gefahr waren, haben damals ehrlich gesagt wenig mitbekommen von Demonstrationen vor Botschaften und verbalen Solidaritätsbekundungen, als wir im Bunker saßen und die Bomben über unsere Köpfe schießen hörten. Was wir mitbekommen haben, war die aktive Hilfe von Menschen. Menschen, die uns in Sicherheit gebracht haben, Menschen, die uns zu einem Kopf über dem Dach und einem Job verholfen haben.

Ich sage euch, was ihr tun könnt: Lernt Arabisch, Farsi, Dari und Urdu. Geht in die Geflüchtetenunterkünfte und redet mit den Menschen, fragt, was ihr tun könnt. Übersetzt, unterstützt. Kauft Geflüchteten Telefonwertkarten und Guthaben. Geht mit ihnen zu Ämtern und erledigt bürokratische Wege – ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schwierig das ohne die entsprechenden Kenntnisse und in einer feindlichen Atmosphäre ist. Entwickelt neue, effektive und sichere Kommunikationswege, seid kreativ und überlegt euch neue Aktionsformen und Strategien. Organisiert Veranstaltungen rund um Geflüchtetenunterkünfte, für und vor allem mit den Bewohnern und Bewohnerinnen. Macht die Geflüchtetenunterkunft in eurer Nähe zum zentralen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Umschlagplatz, zu einem Ort, der positiv besetzt ist und wo niemand mehr auf die Idee käme, einen Anschlag darauf zu verüben  – auch, weil ihr euch abwechselt, darauf aufzupassen.

Fahrt an die Grenzen und seht, was man dort tun kann. Wenn das vor 20 Jahren niemand gemacht hätte, würde ich heute nicht vor euch stehen. Und bleibt klug und vorsichtig dabei! Distanziert euch zur Sicherheit von allen Aufrufen zu Schlepperei oder anderen kriminellen Umtrieben, nicht dass eure Rede bei Tanzen gegen Rassismus noch missverstanden wird!

Tanzen gegen Rassismus … Ja, tanzen kann man auch. Soll man auch. Ist ja nicht unsere Revolution, wenn wir nicht tanzen können, oder? Aber sorgt morgen dafür, dass wir heute nicht umsonst vorgefeiert haben.

Smart fašizmu, sloboda narodu!

Olja Alvir